Thesen aus dem Spannungsfeld
Kunst, Kultur und Werbung gehen nicht zusammen? Im Gegenteil: Sie bilden ein Spannungsfeld, das die Standards der Branche hinterfragbar macht. Sieben Thesen.
1. Kunst & Kommunikation: Profitieren Unternehmen von kunstvollen Kampagnen?
Der Schweizer Überkurator Harald Szeemann sagte: «Art is always ahead of the Zeitgeist.» Technologie und Natur ver ändern sich exponentiell schneller, als wir es begreifen können. Es ist heute wichtiger denn je, dass wir uns wieder mit der Natur verbinden. Kunst hilft uns, die Komplexität der Welt auf einer imaginativen und emotionalen Ebene zu verstehen. Auch die Rolle der Kunst ver ändert sich: Neben der klassischen Introspektion geht es in der aktuellen Kunstpraxis zunehmend um partizipatorisches und interdisziplinäres Arbeiten. Einige Künstler arbeiten gemeinsam mit Wissenschaftlern und Technikern an der konkreten Umsetzung wissenschaftlicher Erfindungen. Wir arbeiten etwa mit Künstlern, wenn es darum geht, gesellschaftliche Megatrends für ein grosses Publikum zu übersetzen und zu visualisieren.
2. Gibt es eine Rettung vor der Swissness?
Die herrschende Swissness in der Werbung ist ein Warnzeichen für den Niedergang der Erneuerungsfähigkeit unserer erfolgsverwöhnten Schweiz. Seit 15 Jahren scheint Swissness bei Marketingverantwortlichen das Ticket zu sein, um beim Vorstand in die Kränze zu kommen. Swissness in der Werbung, also das Feiern von kurliger, aber harmloser Eigenart, sowie das Inszenieren von Werten wie Zusammenhalt, Bescheidenheit und Qualitätssinn, hat diffuse Marketingziele: die Beschwörung von geteilten Werten, von geteilter Erfahrung und das Vorspielen von Kundennähe auf Heidi komm raus. Immer mehr Menschen machen zu, wenn ein Unternehmen wieder einmal unsere Bundesseele streichelt: Erstfeld—Biasca sozusagen. Andere wiederum enttarnen Swissness als Verkaufslackierung. Etwa dann, wenn der Grossverteiler, der Kommunikationsdienstleister oder die Versicherung versuchen, den Niedergang an Kreativität, Preiswürdigkeit und echtem Kundenkontakt mit Heimatliebe zu übertünchen. Zwangssolidarität macht beim Kantonsausgleich Sinn. Beim Wocheneinkauf weniger. Die pseudobescheiden vorgetragene Selbstzufriedenheit der CorporateSuperschweizer lässt uns Marken nicht nur schwerer voneinander unterscheiden. Sie schadet der Schweiz ganz direkt. Selbstzufriedenheit überdeckt, dass wir grade das grösste und spannendste Schweizer Kapital, die Innovationsfähigkeit, verlauern. Souveräne Konsumentinnen haben ganz andere Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen. Sie haben es verdient, dass Marken im Tausch für Aufmerksamkeit mehr bieten als Folklore.
3. Ist ‹Slice-of-Life› eine Bullshit-Kategorie?
Niemals. SliceofLife hat mit den Kardashians einen neue Daseinsberechtigung erhalten. Sie zeigen, dass nichts aufregender ist als das echte Leben. Krankheiten, Hochzeiten und Scheidung, bewaffneter Raub, Nachwuchs, Karrieren, Häuser und Luxusfahrzeuge: Alles da. Es ist camp und trashig, lustig und traurig zugleich und kann auf überraschende Art von low zu high und von high zu low wechseln. Die Kardashians haben unseren Respekt. Und sie verstehen etwas von intelligentem Merchandising. Zum Beispiel Skims, die wirklich gute Unterwäschelinie von Kim Kardashian. Sie wird ausschliesslich von der italienischen Künstlerin Vanessa Beecroft fotografiert. Berühmt wurde diese in den Neunzigern für ihre Performance in der Halle des Guggenheim Museum in New York. Models trugen Bikinis und High Heels von Tom Ford für Gucci und standen einfach da. Eine Armee von Frauen. Heute wohnt Beecroft in Hollywood und ist Art Director und Leibfotografin für Kim. SliceofLife bleibt eine Gewinnerkategorie.
4. The Curatorial Turn: Was bedeutet der Begriff?
Wie richtet man Marken im Zeitalter der permanenten Verwirrung strategisch aus? Eine Lösung heisst «Human Identities statt Brand Identities». Übrigens auch eine Strategie von Kreativdirektor Demna Gvasalia, der so die Instagram-Aktivität seiner Marke Balenciaga umschreibt. Ein Pool von Balenciaga-Fans inszeniert Produkte ganz so, wie sie wollen. Die Markenstrategie ist es, gewissermassen keine Strategie zu haben, sondern die Konsumenten sprechen zu lassen. Die Bilder sind manchmal liebenswert, manchmal nervig, manchmal doof – ganz so wie eine echte Persönlichkeit. Die andere Lösung heisst Curatorial Turn und sagt aus, dass dem Kurator, der Kuratorin in der Markenführung eine immer zentralere Rolle zukommt. Wir sagen voraus, dass der nächste Kreativdirektor eines grossen Unternehmens eine Kuratorin sein wird.
5. Purpose: Sind Werber Sinnsucher?
Immer mehr Briefings unserer Kunden drehen sich um den Purpose, um den tieferen Sinn des unternehmerischen Schaffens und Produzierens. Sinnproduktion ist tatsächlich eine der aktuell drängenderen – und interessanteren – Aufgaben von Neutral geworden. Die soziale Verantwortung eines Unternehmens sei es, den Profit zu erhöhen, titelte Milton Friedmann 1970 in seinem berühmten Essay. Immer mehr Unternehmensführer erkennen heute hingegen die Notwendigkeit, ökologische und soziale Verantwortung zu übernehmen und ihre Firma als purposedriven zu positionieren. Falls die Strategie das her gibt, machen wir diesen Job gerne – aber mit Respekt: Das P-Wort wird zu oft missbraucht, indem ein Strauss gut klingender Visionen und Werte von der konventionellen und wenig definierten Unternehmensausrichtung ablenken soll. Unternehmen sind Ermöglicher von Zukunft. Das interessiert nicht nur die Aktionäre.
6. Goldstandard: Die bestgeschriebene Schweizer Kampagne?
Als Autorin und Texter wählen wir eine Longcopy-Kampagne. Und zwar eine gediegen langsame und berührende Kampagne für Emmentaler. Geschrieben wurden die Anzeigen und Plakate vor gut 30 Jahren von Martin Suter. Wir hätten auch eine selber getextete Long-copy-Anzeige für das NZZ-Folio anfügen können, aber Unbescheidenheit scheut der Schweizer laut den Swissness-Predigern wie der Vampir den Knoblauchkranz.
((Headline))
Der flache, geblümte Teller ((Bild, klein: Schnäfu Emmentaler auf Teller))
… An der geplättelten Wand hing an einem geduldig immer wieder angeklebten Haken eine Flaschenbürste mit einem langen Stiel aus zwei ineinander gedrehten Drähten. In der Durchreiche zur Stube die blecherne, runde Brotschachtel, auf deren Deckel jemand zwei Rosen gemalt hatte. Im Schrank eine Schachtel mit mühsam entknoteten, säuberlich zusammengerollten Paketschnüren, zwischen denen da und dort winzige Knäuel farbiger und goldener Bändel weihnachtlich hervorblitzten. Das war die Küche meiner Grosseltern, von der mir geblieben ist: ein flacher, geblümter Teller, auf dem manchmal ein Stück Emmentaler liegt.
«Die Markenstrategie von Balenciaga ist, gewissermassen keine Strategie zu haben, sondern die Konsumenten sprechen zu lassen.»
7. Courage: Wie viel Mut braucht die Arbeit mit Agenturen à la Neutral?
Vor 20 Jahren hat man uns in Schweizer Marketingabteilungen als Ausserirdische wahrgenommen. Und erst gar nicht zum Gespräch eingeladen. Seit 100 Jahren waren die Werbekreativen Texter und Grafiker. Aber bitte doch nicht Künstler, Designer, Architekten und Wissenschaftler. Wo kommen wir denn da hin? Natürlich arbeiten wir auch mit Grafikern. Mit den besten. (Und: Wir suchen aktuell einen Architekten.) Das europäische Unternehmensgeschäft der Zürich Versicherung war unser erstes grosses Mandat. Zielpublikum waren die CEOs und CFOs der grössten Firmen aus acht europäischen Ländern. Die immersive Kampagne «The Next 3 Years» war ein Blockbuster. Heute empfehlen wir Neutral allen, die eine Botschaft haben.
* Neutral-Gründer Rudolf Schürmann, Stratege und Kreativdirektor, sowie Michelle Nicol, Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin, sind Pioniere im transkulturellen Einsatz von Architektur, Kunst, Design und Wissenschaft. Ihre gemeinsam geführte Agentur erhielt zahlreiche Auszeichnungen für kreative Arbeit, zuletzt etwa ADC-Doppelgold in den Königsdisziplinen Gesamtkampagne und PR für «Ai Weiwei & Hornbach».

1. Kunst & Kommunikation: Profitieren Unternehmen von kunstvollen Kampagnen?