Schriften, Böxli und Printtagging

Webdesigner und Printdesigner leben in verschiedenen Welten. Dabei hätten beide eine Menge voneinander zu lernen. Gastkommentar von Oliver Reichenstein, Informationsarchitekt in Tokio.

Im Internet sind kleine Schriften ziemlich beliebt. Das ist erstaunlich, denn Webseiten sind ja eigentlich da, um gelesen zu werden. Es ist noch erstaunlicher, wenn man weiss, dass die Schriftgrösse, die der Webbrowser vorgibt (16 Pixel), an sich wunderbar lesbar wäre. Sie wirkt gross, wenn man sie neben einen gedruckten Text hält. Wenn man die Schriftgrössen aber perspektivisch vergleicht, dann entspricht der Web-Text der Druckschrift im Leseabstand.
Der Grund, warum Webdesigner kleine Schriften verwenden, hat einen historischen und einen technischen Grund: Bildschirmschriften wurden in einer Zeit entwickelt, wo Bildschirme sehr viel kleiner waren als heute. Und so hat man auch entsprechend kleine Schriften entwickelt. Der Bildschirm hat zudem eine niedrigere Auflösung als das Papier.
Die Aufgabe des Designers: Probleme lösen
Dadurch hat man sehr wenig Gestaltungsspielraum, ausser man macht die Leseschrift kleiner. Je kleiner die Schrift, desto leichter wird die Aufgabe für den Designer, desto hübscher die Seite. Aber die Aufgabe des Designers ist, Probleme zu lösen und nicht Schönheitspreise zu gewinnen.
Auch mit den Böxli machen es sich Designer oft zu leicht. Vergleicht man eine durchschnittliche Webseite mit einer professionellen Druckseite, sieht man: Webdesigner verwenden viel mehr Rahmen und Böxli als Printdesigner.
Ein Beispiel ist BBC.com. Da ist alles, der Aufmacher, das Wetter und jeder Teaser, in einem Böxli drin. Es ist anstrengend für das Auge, von Böxli zu Böxli zu springen. Dass die Böxli Web-2.0-runde Ecken haben, macht die Sache nicht besser.
Was Webdesigner von Grafikern lernen können
Dass die Böxlerei eine ebenso schlechte Angewohnheit ist wie die kleine Schrift, zeigt sich, wenn man nachliest, wie die – auch für einen Nichtdesigner – sehr einleuchtende typografische Regel für Linien lauten:
1. Bringe die Elemente, die inhaltlich zusammengehören, optisch nahe zusammen.
2. Setze Elemente, die nicht zusammengehören, räumlich voneinander ab.
3. Dinge, die nicht zusammengehören, aber aus Platzgründen nahe zusammengebracht werden müssen, werden durch Linien abgetrennt, damit man sie auseinanderhalten kann.
Mit anderen Worten: Man verwendet Linien nur, wenn nicht genug Weissraum vorhanden ist. Weissraum ist ja keine Geschmacksfrage, sondern ein Ordnungselement. Wenn man nun Linien nicht nur links und rechts, sondern auch oben und unten zieht und diese Linien verbindet, wenn man also eine Box macht, dann bedeutet das, dass das, was in der Box ist, etwas wirklich anderes ist als das, was um die Box herum geschieht. Webseiten, die noch und noch Böxli verwenden, kommunizieren: Hier sind viele Dinge beieinander, die eigentlich nicht zusammengehören. Anders gesagt: Diese Seite ist ein Puff.
Warum werden Böxli dennoch so übermässig eingesetzt? Böxli werden eingesetzt, weil es einfacher ist, einen Rahmen um alles rum zu machen als sich eine klare Struktur zu überlegen. Sie sind also oft ein Indiz eines «puffigen» Informationsdesigns.
Was Grafiker von Webdesignern lernen können
Die Beispiele Böxli und kleine Schrift zeigen schön, wie Webdesigner von Grafikern lernen können. Ich meine: Grafiker sollten auch von Webdesignern lernen. Denn noch viel erstaunlicher als die kleinen Schriften und die Böxli sind doch die oft undurchschaubare Informationsarchitektur und die unfreundlichen Bleiwüsten, die uns die heutigen Zeitungen und Zeitschriften noch immer vorsetzen.
Die Lösung des Problems: Schlüsselwörter farbig auszeichnen. Ein Text mit farbigen Schlüsselwörtern kann der Leser in fünf Sekunden erscannen. Sieht vielleicht nicht so hübsch aus, aber die wahre Schönheit des Textes ist keine ästhetische, sie liegt in der Lesbarkeit. Wären alle Texte in diesem Heft mit Schlüsselwörtern durchsetzt, dann könnte man jeden Artikel scannen und schnell darauf prüfen, ob da was Interessantes
drinsteht.
Ausserdem wüsste man dann auch, nach welchen Schlüsselwörtern man suchen muss, um den Text online wieder zu finden und zu kommentieren. Denn Schlüsselwörter haben eine einfache Entsprechung online: Der Webdesigner nennt es tagging. Auch die Redaktoren hätten ihre helle Freude an Printtags, weil farblich abgehobene Schlüsselwörter neben Dachzeile, Titel, Lead und Zwischentiteln spitze Haken sind, um den Leser in den Text zu ziehen. Oder?

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