Achtung, fertig – Digital: aber wie schnell?

DIGITALISIERUNG Im Rahmen der Serie «Digital – walk before you run» sprach Christoph Oggenfuss* mit sechs Exponenten über die Herausforderung der Digitalisierung. Ein Fazit und sechs Key-Statements.
Visual für MuK Summary Beitrag Walk before  Oggenfuss Okt 2015
Digitalisierung und Front Office Performance – wie Yin und Yang.Im Rahmen meiner zweiten Beitragsserie hatte ich die Gelegenheit mit sechs weiteren Exponenten über das Thema Digitalisierung zu sprechen. In der Gruppe der Gesprächspartner waren ein Trendforscher, drei CEO‘s von sehr unterschiedlichen Firmen, eine Museumsdirektorin und der Country-Manager von CISCO – dem führenden Technologie-Unternehmen aus dem Silicon Valley. Alle Experten stimmten überein, dass das Thema sehr bewusst und mit grosser Aufmerksamkeit angegangen werden muss. Auch die strategische Relevanz steht für alle Gesprächspartner ausser Zweifel. Mit diesem Beitrag will ich die Schlüsselerkenntnisse aus den anregenden Gesprächen zusammenfassen und einige Auffälligkeiten herausarbeiten. Auf Grund des grossen Zuspruchs für das Thema Digitalisierung wird die Gesprächsserie auch 2016 mit weiteren Schlüsselpersonen weitergeführt werden.Welche Bedeutung geben Sie dem Thema „Digitalisierung“?Für alle Gesprächspartner ist das Thema hoch strategisch – unabhängig davon ob bereits eine digitale Strategie vorliegt. Gleichzeitig wird angefügt, dass dadurch die analoge Welt nicht einfach abgeschnitten werden kann. Der Spagat zwischen alter und neuer Welt ist vor allem bei der Budgetallokation herausfordernd. Da sich die Digitalisierung in fast alle Lebensbereiche hineinschleicht ist davon auszugehen, dass schon bald „all business digital business“ ist. Die Tragweite des Themas wird auch dadurch deutlich, dass bestehende Geschäftsmodelle sehr schnell obsolet werden können und die Eintrittshürden für neue Geschäftsmodelle sehr tief geworden sind. Als weiterer Hebel ist das Internet of Everything zu sehen, bei dem Menschen, Maschinen, Prozesse und Analytics vernetzt werden. Wenn wir davon ausgehen, dass heute erst 1 Prozent dieser Vernetzung erfolgt ist wird deutlich was noch bevorsteht. Die strategische Bedeutung ist aber vor allem dann nachhaltig, wenn der gesamte Verwaltungsrat dazu das Backing gibt. Das Thema Digitalisierung kann auch in „intern“ und „extern“ gegliedert werden. Aus interner Sicht stehen Effizienz und Kosteneinsparungspotentiale im Vordergrund und extern sind es Ertragssteigerungspotentiale und verbesserte Kundenkommunikation.Auch wenn die Interpretationen der sechs Gesprächspartner unterschiedlich ausfielen, gab es einen gemeinsamen Nenner: Die strategische Bedeutung des Themas und die organisatorische Notwendigkeit agiler zu werden. Dass die sechs ausgewählten Organisationen in keiner Art und Weise dem „digitalen Durchschnitt“ entsprechen liegt in der Natur der Auswahl der Beispiele für das aktuelle Themendossier. Tatsache ist, dass bei zu vielen Firmen das Thema Digitalisierung Ratlosigkeit auslöst – willkommen im Haifischbecken von UBER, airbnb, Zalando und Co.Digitalisierung: und mit welchen konkreten Projekten?Die Fülle von konkreten und nutzbringenden Anwendungsbeispielen bei meinen Gesprächspartnern ist beeindruckend und bestätigend – Digitalisierung ist nicht Hype sondern operative und strategische Prämisse. So lanciert die Firma Mammut einen B-to-C-Webshop und etabliert damit den ersten digitalen Endkunden-Direktvertriebskanal. Dass der überarbeitete Webauftritt responsive und damit mobilefähig sein muss versteht sich von selbst. Bei Swisscom hat die Einführung von Voice over IP die Erträge des klassischen Telefoniegeschäftes at risk gesetzt – dieses Vorgehen entsprach einem bewussten strategischen Entscheid. Für Swisscom geht es bei der Konkretisierung der digitalen Transformation aber nicht einfach um Technologie – der kulturelle Wandel ist ebenso wichtig. Dazu hat sich das Unternehmen vor mehr als 10 Jahren im Silicon Valley mit der Methodik „Human Centered Design“ befasst und in der eigenen Organisation umgesetzt. Bei CISCO wurde der Sales-Prozess umgebaut und ein virtuelles Demo-Center integriert was ermöglicht, dass zu einzelnen Themen die weltweit besten Experten in den Sales-Prozess einbezogen werden können. Bei Aduno andererseits ist es die schiere Grösse des Projektbudgets für digitale Vorhaben, das die strategische Absicht als glaubhaft erscheinen lässt. Daneben wird ein wegweisendes Vorhaben vorangetrieben mit dem Ziel die physische Kreditkarte auf das Smartphone zu bringen – mit weltweiter Akzeptanz. Bei der Fondation Beyeler wurde die diesjährige Gauguin-Ausstellung erstmals mit einer vollen digitalen Kampagne begleitet und mit der Kooperation mit Spotify auch ein starkes Social-Media Signal gesendet. Die konkreten Anwendungsbeispiele zeigen, dass bei der Selektion der Firmen und Persönlichkeiten für das dritte Themendossier „Digital – walk before you run“ die Wahl auf „early movers“ gefallen ist.Digitalisierung: Was ist das richtige Tempo? …in jedem Fall schneller als der Bär der dich verfolgt!Bei dieser Frage zeigt sich kein einheitliches Bild. So schlägt z.B. Mammut ein schnelles Tempo an nicht aber mit dem Anspruch first mover zu sein. Im Bereich Social Media und Qualitäts-Content liegt die Messlatte jedoch klar höher. Wenn hohes Tempo erfolgskritisch ist, lassen sich Innovationseinheiten auch kurzzeitig auslagern um dann sobald funktionstüchtig wieder in der Organisation zu integrieren. Bei Swisscom gilt da Credo „Beschleunigung“ und darunter wird verstanden, Potentiale zu erkennen und diese schnell in einen Realisierungsprozess zu überführen. Oder aber Projekte umzusetzen bei denen Durchlaufzeiten von bisher Tagen zu neu Minuten verkürzt werden. Mit dem Label „nova“ bringt Swisscom unfertige Produkte früh an den Markt, lernt aus Kundenfeedbacks und optimiert entsprechend der geäusserten Bedürfnisse. Bei CISCO ist das Tempo ultra-aggressiv, entweder die Firma schafft den Durchbruch oder sie haben ein echtes Problem. CISCO will in den Zielmärkten die Nummer eins oder zwei sein und mit dieser Ambition ist ein hohes Tempo unabdingbar. Auch Aduno fährt in den Projekten ein sehr hohes Tempo beachtet aber gleichzeitig, dass dies nicht zu Lasten von Convenience und Usability für den Endkunden geht. Die Fondation Beyeler behandelt das Thema Geschwindigkeit zweigleisig: nach aussen „first mover“ und nach innen verlässt man sich auf erprobte Technologien und Lösungen im Interesse von Nachhaltigkeit und geordneter Entwicklung.Die grössten Herausforderungen?– Das Tempo des digitalen Wandels macht es für Führungskräfte sehr anspruchsvoll bei der Fülle der Optionen die richtige Auswahl zu treffen – also das für die eigene Strategie passende herauszufiltern.- Die Ratlosigkeit im Thema Digitale Transformation durch solides Grundwissen zu ersetzen und damit das Top-Management zu Befähigen.- Einen neuen Führungsstil im digitalen Zeitalter zu etablieren. Die Führungskraft muss vom „Alles-Wisser“ zum Coach migrieren und damit das Innovationspotential bei den Mitarbeitenden auszuschöpfen – und in 10-15 Jahren werden ohnehin die Digital Natives die Führung übernehmen.- Nicht davor zurückschrecken das bisherige Kerngeschäft zu kannibalisieren – mit neuen Geschäftsmodellen sind diese Wiederstände zu überwinden (Beispiele CISCO, Swisscom).- Sicherstellen, dass die Mitarbeitenden die digitale Transformation mittragen können und ein breit abgestütztes digitales Verständnis entsteht. Digital muss zur impliziten Grundhaltung der Zukunft werden.Sechs Key-Statements meiner Gesprächspartner:– „Nicht alles was digital ist, ist per se besser.“ Rolf G. Schmid, CEO Mammut- „Bei der Digitalisierung geht es nicht um Technologie sondern zuerst und vor allem um Menschen und Kultur.“ Karl-Heinz Land, Digital Darwinist Neuland AG- „Die Digitalisierung schafft zweifelsfrei spannende, neue Möglichkeiten, die aber auch aus einer ethischen Sicht zu beurteilen sind. Auch wenn technologisch fast alles machbar wird, heisst dies noch lange nicht, dass alles gemacht werden darf.“ Christian Petit, Konzernleitung Swisscom- „Die Digitalisierung ist eine riesige Chance , um grosse Probleme zu lösen – Alternativen dazu sehe ich nicht. Die Zukunft wird technologisch geprägt sein und jedes Unternehmen wird zu einem Tech-Unternehmen.“ Christian Martin, Country Manager CISCO Schweiz- „Die Aduno Gruppe steht für ‚the smart way to pay’ – doch der Kunde hat primär das Bedürfnis, eine Dienstleistung zu beanspruchen oder etwas zu kaufen. Unsere Aufgabe ist es, den Prozess des bargeldlosen Bezahlens so einfach, sicher und schnell als möglich anzubieten.“ Martin Huldi, CEO Aduno Gruppe- „Datensicherheit ist eine Priorität – wir müssen uns bewusst sein, in welche Abhängigkeiten wir uns mit den bei uns gespeicherten Daten begeben und wie wir der kunsthistorischen Verantwortung gerecht werden.“ Ulrike Erbslöh, Direktorin Fondation BeyelerIch freue mich schon auf die vierte Runde der Fachgespräche mit Wirtschaftsexponenten im 4. Quartal 2016 unter dem Titel „Digital – The new Normal“. Der hohe Veränderungstakt der Digitalisierung wird bis dann bereits schon wieder neue, spannende Themen und Diskurse liefern.

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