Eine Schweinerei nach der anderen

Die Übergänge sind fliessend, das Timing genialisch: Seuchensymptome haben Krisenkommentare und ein paar giftige (sprich: infizierte) Menschen Milliarden toxischer Papiere aus den Schlagzeilen verdrängt. Hauptsache, dieses neuste Medienvirus vermengt nicht Geld und Blut – und beschwört so üble Geister der Vergangenheit. Gastkommentar von Oliver Classen, Mediensprecher der Erklärung von Bern.

Angesichts des vom Davoser Giga-Gipfel gesendeten Anti-Krisen-Gebrabbels wurde im Februar an dieser Stelle noch moniert, die Brandstifter der Weltwirtschaft hätten sich als Feuerwehrleute verkleidet. Nun hat ein noch viel findigerer Spin-Doktor offenbar gedacht, Feuer müsse mit Feuer bekämpft werden. Jedenfalls hat die Schweinegrippe die Bankerschweine im Ranking des grösstmöglichen Übels locker überholt. Das neueste Medienvirus ist die Seuche zur Krise. War in den letzten Monaten auf allen Kanälen von giftigen Wertpapieren die Rede, die dekontaminiert werden müssen, so ist heute jeder Sombreroträger ein potenzieller Todesbote.
Die Metapher der giftigen Geldprodukte bestätigte all jene, die in den Achtzigerjahren ihren Küchenschrank mit Häuptling Seattles Weissagung verunzierten: «Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werden die Menschen feststellen, dass man Geld nicht essen kann.» Wohl wahr: Derivate sind über Nacht toxisch geworden und der Kreislauf des Geldes droht an einer Sepsis zugrunde zu gehen. Wenn allerdings Geld und Blut – und sei’s «nur» sprachlich – miteinander vermengt werden, ist Antisemitismus leider immer noch eine virulente Gefahr, als konservativ gewendeter Antikapitalismus des Unterschichtenfernsehzielpublikums quasi. Aber immerhin: Dass bisher noch niemand aus dem rechtsbürgerlichen Lager versucht hat, mit diesem allzeit abrufbaren Reflex zu punkten, lässt auf einen minimalen Lerneffekt seit der letzten Weltwirtschaftskrise schliessen.
Ein wohl nicht unerwünschter Nebeneffekt der Schweinepest ist ein grenzübergreifendes Gattungsgefühl. Zwar werden nicht alle Menschen Brüder, aber alle Menschen werden krank. Zumindest potenziell, und das reicht ja schon mal für schwachsinnige Schlagzeilen à la «die Seuche ist da» (Blick). Was unleugbar da ist, ist eine unverantwortliche Katastrophengeilheit nicht nur der Boulevardblätter. Und die lässt die durch Banker, Boni und bornierte Politiker gespaltene Gesellschaft wieder enger zusammenrücken. Die Aussicht auf millionenfachen Live-Tod, in Grossaufnahme auf Flu TV (vormals CNN) gezeigt, von dessen Chief Medical Correspondent kundig kommentiert, erzeugt einen wohligen Grusel – und lässt Volksvertreter weltweit schon mal nachrechnen, wie welche Todesrate ihre Wahlchancen beeinflussen würde.
Keine Frage: Das Schwein ist das ideale Wappentier fürs vielschichtige aktuelle Menschheitsdesaster (zur Erinnerung: vor der Finanz- gab’s ja schon eine Klima-, eine Wasser- und eine Ernährungskrise). Die Kälber auf staksigen Beinen zu Zeiten des Rinderwahns waren vielleicht etwas für empathische Wes¬tern-Freunde. Und die toten Schwäne von Rügen an der Uraufführung der Vogelgrippe haben höchstens eingefleischten Lohengrin-Fans Tränen der Rührung entlockt. Aber ein kleines bisschen Schwein steckt in uns allen. Schwein gehabt, heisst es ja nicht umsonst, wenn wir glauben, nochmals davongekommen zu sein. Was sich diesmal erst noch weisen muss. Und Landwirtschaftslobbyisten warben einst mit dem in seiner Schlichtheit sensationellen Slogan: «Schwein muss sein – beiss rein.»
Dass demnächst von Washington über Windhuk bis Wettingen Cervelatesser und Weltreisende ins Gras beissen müssen, scheint im Augenblick zum Glück eher unwahrscheinlich. Vermutlich wird vielmehr bald alles wieder seinen geregelten Gang gehen: «Bad Bank» wird zum Unwort des Jahres, die Grillsaison dank mexikanischen Würstchen ein Grosserfolg und Atemmasken der letzte Schrei im Karneval 2010. Ansonsten wird so gestorben wie bislang üblich: an Dreckwasser, Unterernährung oder Aids, vor allem aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

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