Der Radiomacher

Giuseppe Scaglione nimmt neben Radio 105 diesen Monat einen zweiten Sender Radio Monte Carlo Swiss in Betrieb.

Giuseppe Scaglione nimmt neben Radio 105 diesen Monat einen zweiten Sender Radio Monte Carlo Swiss in Betrieb.Mit 15 Jahren hat er seiner
Berufsberaterin erklärt, er wolle Musikhören zu seinem Beruf machen.
«Fauler Kerl», meinte diese und schickte Giuseppe Scaglione – wie es
sich in Basel gehört – in die chemische Industrie zur KV-Lehre.

Heute
geht  der «faule Musikhörer» jeden Morgen um halb sechs Uhr zum
Joggen und ist erfolgreicher Besitzer von demnächst zwei Radios. Am 26.
Januar feiert der Gründer von Radio 105 mit einer grossen Party den
Start von Radio Monte Carlo Swiss. Scagliones italienische Partner, die eine Minderheitsbeteiligung an 105
besitzen, betreiben seit Jahren schon Radio Monte Carlo in Italien
unter Lizenz. «Radio Monte Carlo ist weltweit einer der bekanntesten
Radio Brands», schwärmt Scaglione. Man kennt den Sender von Moskau bis
Paris. Und heute, wo das Markenbewusstsein auch bei einem
Medienunternehmen immer mehr zählt, sei es entscheidend, dass man mit
starken Brands operieren kann.

Monte Carlo macht altersmässig dort weiter, wo 105 aufhört. Die
Kernzielgruppe ist 25 bis 45 Jahre. Damit bewegt man sich im Visier von
fast allen Lokalradios. Monte Carlo soll sich aber «deutlich
unterscheiden» zum Beispiel von Radio 24. Zwar kann man den überall
verlangten Robbie Williams nicht anders tönen lassen. Scaglione will
trotzdem einen eigenen Stil charakterisieren «mit kleinen Eingriffen
von der Moderation bis zum Abspielen auch weniger bekannter Stücke».
Zudem soll es bei Radio Monte Carlo keinen Sauglattismus per Telefon
geben. Die News auf Monte Carlo Swiss werden zu Beginn von einer bestehenden
Redaktion übernommen. Die Eigenleistungen sollen aber ausgebaut werden,
meint Scaglione, der in seinen jungen Jahren auch eigene
journalistische Erfahrungen als unbezahlter Freelancer bei Radio
Raurach machen durfte.

Radio 105 verfügt mittlerweile über vier verschiedene Programme. Das
Hauptprogramm ist im Kabelnetz empfangbar sowie im Internet. Dort sind
unter www.105.ch auch noch drei komplementäre Programme in CD-Qualität
zu empfangen. Gemäss Radio Control wird Scagliones 105 von 50 000 Leuten gehört. Es
sei aber ein grosses Problem, den Konsum junger Leute wirklich richtig
messen zu können. «Je spezifischer die Zielgruppe, desto schwieriger
das Erfassen.» Die Rekrutierung des Publikums von Radio Control läuft
über Festanschlüsse, «aber junge Leute haben fast nur noch Handys».
Zudem sei es für einen Hip-Hopper kaum sexy, mit einer dieser grossen
Kontroll-Uhren in den Ausgang zu gehen. So ist zu erklären, dass die
Wemf-Zahlen für 105 fast dreimal höher wie die Zahlen von Radio Control
gemessen werden.

Werbung bei 105 wird in zwei Blocks pro Stunde gesendet. Bei Monte
Carlo wird nur noch einmal unterbrochen. Dafür soll mehr im
Sponsoringbereich ablaufen. Bereits gut funktioniert bei 105 eine
Zusammenarbeit mit der UBS. Die Bank lässt auf der Website des Radios
ihre Werbespots laufen. Zeichnet sich da ein Ausbau Richtung
Internet-Fernsehen ab? «Musik mit Clips bebildern, wäre ein kleiner
Schritt», verrät Scaglione. Das brauche auch keine Konzession, «obwohl
das Bakom da sicher nach Möglichkeiten der Kontrolle sucht». Aber:
«Mein Server kann in der Karibik stehen.»
Das Internet mit seinen Möglichkeiten ist für Scaglione «eine
Revolution». Tatsächlich kann man ein Internet-Radio wie 105 in New
York genauso empfangen wie in Zürich oder im hintersten Bergtal. Wieso
also kämpft Scaglione trotzdem so heftig für eine UKW-Frequenz? «Gleich
lange Spiesse wie die Mitbewerber», ist sein Argument.
Er weiss auch, dass das Hörverhalten seines Publikums im Verlaufe des
Tages wechselt. Nach der Arbeit wandern die Hörer vom Internet aufs
Kabel. Wenn das IP-Radio technisch noch mehr etabliert ist, wird sich
das aber ändern. «Unsere Zukunft wird deshalb nicht mehr von einem
Medienminister Moritz Leuenberger bestimmt, sondern Bill Gates wird für
uns die Hausaufgaben machen.» Die Zeit wird kommen, wo es Endgeräte
gibt, mit denen man Internet-Radio auch beim Gehen auf der Strasse
hören kann. Der Staat verliert also mit den digitalen Verbreitungsformen die
Legitimation, um Konzessionen zu verteilen. «Das stammt aus einer
antiquierten Denkweise», meint Scaglione, der gelegentlich auch als
«Schawinski des digitalen Zeitalters» tituliert wird.

Auch er polarisiert sehr stark. Wieso? Scaglione kann sich vorstellen,
dass der Anspruch, etwas Professionelles zu machen, «viele
verunsichert». Solange etwas harmlos ist und verniedlicht werden kann,
hat es viele Sympathien. Sobald höhere Ansprüche gestellt werden,
werden Ängste geweckt. «Das zeigte sich für mich deutlich in den
Stellungnahmen zum Jugendradio. Jeder war den Konkurrenten recht, nur
nicht wir.» Das kleine Imperium beschäftigt heute mit Freelancern zusammen
15 Leute und funktioniert fast wie eine Familie. Auch Scagliones Frau
Paula Libera arbeitet im Studio mit, was der Beziehung bei einem so
starken Einsatz für den Beruf «eher förderlich ist».

Andreas Panzeri

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