Wer lügt, sitzt in der Falle

Warum es dumm ist, im Internet die Unwahrheit zu erzählen.

Ehrlichkeit ist eine Zier, doch besser lebt sich’s ohne ihr. Wirklich? OK: Lügen ist schäbig, gemein, bäh. Trotzdem tun wir’s manchmal. Weil wir uns Vorteile davon versprechen, weil die Wahrheit unbequem ist, weil wir die Wirklichkeit gern anders hätten. Schlimm? Kommt darauf an. Aber dumm ist es auf jeden Fall.
Das Internet macht vieles möglich. Zum Beispiel, dass «Tom, 55, arbeitsloser Elektrotechniker» als «Melanie, 14, suche Brieffreundin» auftritt und Übles will. Weniger dramatisch erscheint es da, sich ein paar Jahre jünger zu machen, sich einen anderen Beruf zuzulegen, Ferienerlebnisse zu erfinden und alles mit Twitterern, Facebookern und Flickrn zu teilen – einfach so in Pixeln. Aber Achtung: Aus virtuell wird schnell real. Suchmaschinen entlarven Schönungen, Schummeleien und Lügen in null Komma nichts. Der Personenschnellcheck bei Yasni serviert alles, was über einen Menschen im Internet zu finden ist, von der Bücherwunschliste bei Amazon über Beiträge in Foren bis zu Fotos vom Tennismatch des SV Duppelswil, bei dem Sie so eine schlechte Figur abgegeben haben. Selbst uraltes Zeug, das auf irgendwelchen Servern abgelegt oder in Caches gestrandet ist, kommt zum Vorschein. Es stimmt: Was einmal zehn Minuten lang im Netz war, ist darin gefangen.
Wenn jemand über all die Daten stolpert, die sich rund um Ihren Namen angesammelt haben, kann das schon peinlich genug sein. Frei erfundene Angaben zur eigenen Person machen die Blamage perfekt. Es passiert meist aus heiterem Himmel: Sie haben Ihr getuntes Profil auf der Partnersuchseite längst vergessen. Bis Ihr Wunscharbeitgeber Sie im heiss ersehnten Bewerbungsgespräch fragt: «Sie fahren Ferrari?» Blöd ist auch, wenn der Partner seinem Herzblatt im Netz nachschnüffelt. Fast die Hälfte von 3’000 befragten Yasni-Nutzern kontrolliert ihren Schatz per Internet. Traurig genug. Ärger oder Ärgeres bedeutet es, wenn die Ermittlungsergebnisse dem Schnüffler recht geben: Auf Facebook hat die bessere Hälfte den Status «Single» eingetragen, geht regelmässig joggen, lügt die Nase kürzer und die Beine länger. Na warte!
Wer meint, er müsse mit Pinocchio und Baron Münchhausen auf der Kanonenkugel reiten, sollte es wenigstens clever anfangen. Sonst fühlt sich der Entdecker des unseligen Eilands nicht nur belogen, er muss auch noch verdauen, dass man ihn für dusselig hält. Verletztes Vertrauen und verletzter Stolz sind eine explosive Mischung. Ob halb wahr, halb falsch, verschwiegen oder in Not gelogen – Lügen haben alles andere als kurze Beine: Sie holen uns immer ein. Mit langen Schritten.
Anne-Friederike Wilhelm

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