Wir alle sind Snowden

Im Dokumentarfilm «Citizenfour» von Laura Poitras über Edward Snowden zeigt sich die Universalität der Motive des Whistleblowers: Stimmen Werte, Haltungen, Regelwerke und Taten nicht überein, resultiert Verunsicherung.

In einem Hotelzimmer in Hongkong zeichnete die amerikanische Dokumentarfilmerin Laura Poitras auf, wie Edward Snowden dem Guardian- Journalisten Glenn Grennwald seine Geschichte erzählt und Dokumente übergibt. Im Dezember 2012 kontaktierte Snowden Poitras. Der Film zeigt eindrücklich, wie der junge IT-Spezialist mit einer sorgfältigen Auswahl von zwei Journalisten eine Geschichte der Weltöffentlichkeit erzählt, die uns alle angeht.

Seine Motive bleiben letztlich persönliche: Er sieht seine Integrität und diejenige der Mitbürger durch die Überwachungsinstrumente der US-Regierung verletzt. Dabei steht nicht das Verfahren der Überwachung per se im Zentrum, sondern das Verschleiern und die Täuschung der Bürgerinnen und Bürger. Erwachsene Menschen erwarten Verlässlichkeit der Verfahren und Spielregeln. Werden diese durch Regierungen und Unternehmen nicht eingehalten, verspielen sie das Vertrauen. Die Bürger und Konsumenten reagieren mit Verunsicherung. Früher oder später erwarten sie, dass sie nicht im Dunkeln tappen und mit unerwarteten unangenehmen Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie digitale Technologien für ihre Kommunikation nutzen.

Nachdem die Digitalisierung mit ihren unschätzbaren Segnungen für die Kommunikation aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist, müssen sich alle Beteiligten auf einen verbindliche Verhaltenscodex und klare Verträge einigen. Edward Snowden hat diesbezüglich einen Stein ins Rollen gebracht. Die Frage ist, wie lange dieser Stein seine Energie behält.

Edward Snowden hat mit seinen Veröffentlichungen die Wahrnehmung eines grossen Teils der US-Bevölkerung verändert. Seine Enthüllungen haben grosse Auswirkungen, nicht nur bei den betroffenen Regierungen, sondern auch bei den Frauen und Männern, die sich als Bürger und Konsumenten unsicher fühlen. Sicherheit bedeutet hier, über einen privaten Rahmen zu verfügen, in dem die physische und psychische Unversehrtheit gewährleistet ist.

Das Pew Research Center publizierte am 12. November 2014 die erste einer Reihe von Studien, die explizit die Wahrnehmung und den Umgang von Erwachsenen in den USA mit Privatheit nach den Enthüllungen von Edward Snowden untersucht (www.pewinternet.org). Nur 5 Prozent der Befragten geben an, nichts über die Überwachungsprogramme gehört zu haben. Kommunikationskanälen, die von der Regierung überwacht werden, begegnen sie mit einem signifikant höheren Misstrauen. 91 Prozent sind der Meinung, Konsumenten hätten die Kontrolle über die Art und Weise, wie Unternehmen ihre Daten sammeln und nutzen, verloren. 88 Prozent befürchten, dass unkorrekte Angaben über sie nur mit grossen Schwierigkeiten gelöscht werden können. Beinahe jeder Zweite geht davon aus, dass Menschen, denen sie begegnen, online Informationen über sie einholen. 11 Prozent haben bereits unangenehme Erfahrungen gemacht, weil demütigende oder falsche Meldungen über sie online gepostet wurden. 16 Prozent haben die Entfernung von entsprechenden Informationen eingefordert. 81 Prozent fühlen sich nicht sehr oder gar überhaupt nicht sicher, wenn sie über Soziale Medien kommunizieren. Und die Besorgnis über die Überwachung durch die US-Regierung von Telefonaten und Internet ist bei 80 Prozent gross.

Der Film von Laura Poitras ist ein intimes Dokument der Geburt einer Geschichte, die um die Welt geht. Dazu braucht es einen Erzähler, der mutig und zugleich ängstlich ist. Edward Snowden wandte sich an Journalisten, die er gezielt auswählte. Auf Grund ihrer bisherigen Publikationen vertraute er ihnen, dass diese mit den Informationen angemessen und sorgfältig umgehen würden. Die Auswahl und die Aufbereitung der Daten delegiert er an die Profis. In den acht Tagen im Hotelzimmer werden sie zu einem Team. Der Informant und die Journalisten bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Sie wissen, dass sie nach der Publikation ihr Leben nicht mehr wie bisher leben können. Poitras und Greenwald beschränken ihre Reisen, Edward Snowden wohnt mit seiner Lebenspartnerin isoliert in Russland. Die kritische Distanz geht dabei freilich verloren. Dafür eröffnen sie eine Debatte, der sich niemand mehr entziehen kann.

Josefa Haas, Medienexpertin aus Zürich
 

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