Aufgespiesst: Nostalgische Verjüngung

Anne-Friederike Heinrich, freie Mitarbeiterin der Werbewoche, über Kindheit zum Nachblättern.

Eine Sache ist wohl zwischen allen Eltern und Kindern gleich: Man führt zwar längst ein Leben unabhängig von Mama und Papa, bei den Altvordern daheim ist man aber immer noch Kind, im Ernstfall sogar der oder die «Kleine». Das nervt ziemlich oft, hat aber nicht nur Nachteile. Denn in diesem elterlichen Schonraum kann man immer wieder an die Bücherregale seiner Kindheit und Jugend zurückkehren und in die Welten und Geschichten von damals abtauchen. Wenn man Glück hat, stehen die Bücher sogar noch im alten Kinderzimmer, das zum Näh- oder Gästezimmer wurde, oder sie finden sich fein säuberlich versammelt in Kartonschachteln im Keller.

Die Tauchgänge zwischen den alten Buchdeckeln wecken herrliche Erinnerungen an nächtlichverbotene Lesestunden unter der Bettdecke, an immer wieder gern gehörte oder gelesene Geschichten und an Seiten, die wegen eines unheimlichen Bildes oder einer schreckreichen Erzählung nie wieder aufgeschlagen werden durften. Manchmal entdeckt man sogar, dass man die gleichen Lieblingsbücher hatte wie der Ehepartner, was schön ist und wie ein Stück gemeinsam verbrachte Kindheit. Jedenfalls, wenn es sich nicht um «Hanni und Nanni auf dem Ponyhof» handelt.

Bücher (lassen) leben

Vor allem für den, der selbst kleine Kinder hat, kann der Streifzug im Bücherregal von damals sehr fruchtbar sein. Denn warum nicht das, was in der eigenen Kindheit gut und schön war, was Fantasie und Träume beflügelt hat, für den eigenen Nachwuchs ins Hier und Jetzt retten? Und dabei selbst noch einmal ein wenig Kind, Fantast und Träumer sein. Gedacht, getan. Als ich kürzlich daheim ein paar meiner papierenen Kindheitsgesellen für unseren Sohn in den Koffer packte, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: «Werden diese Bücher dereinst in die Hände unserer Kindeskinder gelangen? Oder werden unsere Enkel irgendwann unseren Sohn fragen ‹Du, Papa, wo sind eigentlich unsere Kinderbücher?› und die Antwort erhalten ‹Die habe ich alle von meinem Tablet gelöscht.›?»

Der Zahn der Zeit

Klar, die Kinderbücher, die ich jetzt nach Hause schleppe, sind schwer – ich werde wahrscheinlich Übergepäck bezahlen müssen. Ich weiss nicht, wo ich sie daheim hinstellen soll, denn das Kinderzimmer unseres Sohnes ist nicht sonderlich geräumig. Ausserdem verströmen die Bücher den Geruch vergangener Tage und die ein oder andere Seite gibt Auskunft über ein Menü oder eine Schogginascherei von vor 35 Jahren. Manch ein Rücken ist gebrochen, manche Seite zerknickt oder bekritzelt – und dennoch treibt mir die Vorstellung von ordentlichen, sauberen, platzsparend abgespeicherten und schliesslich gelöschten Büchern auf dem Tablet einen traurigen Schauer über den Rücken. Denn all die Erinnerungen, die neben und zwischen den erzählten Geschichten auftauchen, sind mir mehr wert als Hygiene, Praktikabilität und Neuwert. Es ist, als wäre ich ein bisschen jünger, seit die alten Bücher wieder bei mir sind. Deshalb hoffe ich, dass ich trotz allen technischen Fortschritts irgendwann in den Bücherregalen unserer Enkelkinder das eine oder andere Buch von mir wieder entdecke – denn das Alte kann eben auch ein Jungbrunnen sein. Den ich dereinst noch besser gebrauchen kann als heute schon.
 

More articles on the topic