Aufgespiesst: Wir wissen nichts – und können darüber lachen

Werbewoche-Redaktorin Anne-Friederike Heinrich über Wissenschaftler, ihre Studien und deren überflüssige Ergebnisse.

Wenn mir langweilig ist, was selten vorkommt, lese ich eine Studie. Denn Studien bringen mich schnell auf den aktuellsten Wissensstand und sind sehr unterhaltsam – weil das neue Wissen meist so unnütz ist, dass es erheitert. Im «Journal of the European Economic Association» veröffentlichten Wissenschaftler die Ergebnisse ihrer Langzeiterhebung «Sozio-ökonomisches Panel». Seit 2004 haben die Herrschaften, unter ihnen Forscher der Universität St. Gallen, mehr als 20 000 Menschen befragt (darum hat’s auch so lange gedauert) und herausgefunden: Männer wagen mehr als Frauen, grosse Menschen sind risikofreudiger als kleine, wer Eltern mit Matura hat, geht eher Risiken ein, und wer etwas riskiert, ist zufriedener als ängstliche Naturen. «Ach was!», würde Loriot sagen. Und wenn eine Frau grösser ist als ihr Mann, seine Eltern aber Matura haben und ihre nicht, wer von beiden ist dann risikofreudiger? Eben, die wirklich wichtigen Fragen beantwortet die Studie nicht.

Auch Studie 2 von TNS-Emnid und Congstar enttäuscht bei genauem Hinsehen: Männer seien vielseitiger als vermutet, so das Ergebnis. Sie könnten nicht nur Fussball schauen, sondern nebenbei auch noch Bier trinken und Chips essen. Na bravo. Eine echte Weiterentwicklung seit Neandertalerzeiten. Ausserdem surfen 68 Prozent der Männer mit dem Smartphone, während die Kiste läuft, 60 Prozent hören nebenbei Radio oder CD und immerhin 52 Prozent telefonieren, während sie dem Spiel zuschauen. Klar: Mit dem Smartphone suchen sie nach dem Spielstand, den sie verpasst haben. Das Radio haben sie vergessen abzuschalten und merken nicht, dass es noch läuft. Und am Telefon reagieren sie nach zehn Minuten Shoppingbericht der Freundin auf die Frage «hörst Du mir eigentlich zu?» mit den Worten «hmmmm – … – was?!». Wofür eine Studie, wenn Erfahrung reicht? Studie 3 wenigstens, durchgeführt vom Friedrichshafener Marketingprofessor Peter Kenning, erfüllt mit Hoffnung: Männer sind häufiger kaufsüchtig als vermutet. Na also, endlich eine gute Nachricht. Kaufsüchtige haben eine Geldbiografie (ein herrliches Wort) und können ihr Verlangen, einzukaufen, nur schwer unterdrücken. Wo genau diese Männer zu finden sind, darüber gibt die Studie natürlich wieder keine Auskunft, denn die Betroffenen fühlen sind beschämt und versuchen, ihre Sucht zu verbergen. Keine Sorge, Jungs, meldet euch bei mir! Wir können gern zusammen shoppen gehen. Aber ich sage, was gekauft wird!

Durch eine Studie des Creative-Center der Telekom Laboratories erfahren wir, dass ungebildete oder faule menschen emails klein udn felherhatf schreiben. Moment, Einspruch. E-Mails klein zu schreiben ist bei den meisten nicht so tippgeübten Menschen vermutlich effizienter, als auf Gross- und Kleinschreibung zu achten, unschön zwar, aber nicht dumm. Und mit Rechtschreibfehlern kann man dickes Geld verdienen. Google jedenfalls macht gute Umsätze mit Typosquatting: Die Suchmaschine erkennt Suchanfragen trotz diverser Tippfehler und leitet Suchende zur richtigen Website weiter. So kommt, wer nach Fcaebook oder Faacebok sucht, trotzdem zu Facebook. Und das Unternehmen zahlt dafür. Es ist also gar nicht bldö, flasch zu shcreibne. Jedenfalls nicht für Google.

Und dann gibt es da noch diese wunderbare Studie, die belegt, dass Autofahrer grössere Füsse haben als Nichtautofahrer – was schlicht daran liegt, dass Autofahrer in der Regel über 18 Jahre alt sind und damit im Vergleich zu einem Fünfjährigen oder einer Elfjährigen auf grösserem Fuss leben. In Zürich raunt man sich zu, dass zukünftig die Füsse gemessen werden, wenn man einen SUV kaufen will. Unter Schuhgrösse 44 bekommt man keinen mehr. Denn SUVs setzen, wie man täglich beobachten kann, besondere Fahrkünste voraus. Und für die kann ein grosser, schwerer Bleifuss am besten garantieren.

Wer sagt da noch, Studienergebnisse hätten keine Relevanz für den Alltag?
 

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