Unsittenbild der Medienbranche

Seine Rich-Hagiographie «King of Oil» hat Daniel Ammann das Prädikat Schweizer «Wirtschaftsjournalist des Jahres» eingebracht. Eine Wahl, die abgrundtief blicken lässt und mich veranlasst, hiermit öffentlich aus der dafür verantwortlichen Jury auszutreten. Von Oliver Classen, Pressesprecher der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern, zuvor Medienredaktor.

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Eigentlich müsste man dem Schweizer Journalist (SJ) zu fünf Jahren ebenso unbequemer wie unterhaltsamer Nabelschau gratulieren. Ausgerechnet die aktuelle Geburtstagsausgabe des Branchenblatts publiziert jedoch zwei Peinlichkeiten, mit denen es sich selbst und, weit wichtiger, dem Schweizer Journalismus ein vernichtendes Qualitätsurteil ausstellt. Das erste Verdikt stammt immerhin «nur» von den 1 550 Teilnehmenden an der diesjährigen Internet-Abstimmung zum «Journalisten des Jahres», welche die beiden Mamablog¬gerinnen von Tagesanzeiger.ch aufs – zumindest bis anhin – prestigeträchtige Podest hievten. Bei allem Respekt für die zum Teil erfrischenden Einsichten in Glanz und Elend der Elternschaft: Angesichts der auch nominierten Recherchecracks, Edelfedern und Reportageprofis gewiss eine windelweiche Wahl, die Krippenklatsch und Familienfunk mehr gesellschaftliche Relevanz andichtet als etwa politischen Enthüllungen und deren Einordnung.

Der ungleich grössere Affront lauert aber in einer der acht von einer so genannten Fachjury beurteilten Unterkategorien. In der Sparte «Wirtschaft» hat das 25-köpfige Gremium, zu dem bis heute auch der Schreibende zählte, Daniel Ammann prämiert. Ausgezeichnet wurde der vormalige Ressortleiter von Weltwoche, Magazin und Facts explizit für seine, gelinde gesagt, unkritische Biografie des Rohstoffhändlers Marc Rich. Keine Frage: Drei exklusive Audienztage beim wohl verschwiegensten und flüchtigsten Wirtschaftsmagnaten der Welt mit einem süffigen Bestseller zu versilbern ist durchaus legitim. «King of Oil», so der Titel des von Rich autorisierten Heldenepos, rehabilitiert jedoch einen der skrupellosesten Dealer und schamlosesten Profiteure des 20. Jahrhunderts – mit moralischem Weichzeichner und fachlichen Fehlern.

Das Magazin als medialer Erfüllungsgehilfe

Zur Illustration von Richs «geschäftlichem Innovationsgeist» etwa kolportiert Ammann die Legende, dieser habe den Spotmarkt im Ölhandel eingeführt. Dabei geht diese Handelstechnik auf die amerikanischen Phillip Brothers zurück. Als Weg¬bereiter für den globalen Rohstoffplatz Schweiz war «Phibro», wo auch Rich sein Handwerk lernte, mindestens so wichtig wie der Pate der Zuger Rohstoff-Rambos. Dass Ammann sich von seinem Kronzeugen in eigener Sache instrumentalisieren lässt, zeigt auch der Titel der nach wie vor einzig relevanten Rich-Recherche in Buchform: «Handels-genie oder Gesetzesbrecher? Eine unerwünschte Biographie» des US-Journalisten Craig Copetas hatte nicht umsonst viele juristische Nachspiele. Wer autorisiert über Rich schreibt, verrichtet zwangsläufig Auftragsarbeit.

Zum Skandal wird diese im Grunde harmlose, weil bloss rapportierte statt recherchierte Homestory indes erst durch jene, die daraus einen Bestseller gemacht haben: Ammanns Kollegen in den meinungsbildenden Medien. Das Magazin zum Beispiel war sich nicht zu schade für eine Titelgeschichte mit lobhudelndem Edito, sechsseitigem Vorabdruck und einem Cover, dessen feistes Rich-Grinsen identisch ist mit jenem auf dem Buchumschlag. Dass dieser eklatante Fall von redaktioneller Gratiswerbung für News-arme Non Fiction nicht vor den Presserat kam, ist mindestens so empörend wie die Verharm¬losung von Richs geldgeiler Gewissenslosigkeit.

Nun also ist Ammann auch noch Schweizer Wirtschaftsjournalist des Jahres, ausgezeichnet von einer willfährigen oder ahnungslosen Truppe, deren Mitgliederliste von App, Rolf (Medienredaktor St. Galler Tagblatt) bis Zwyssig, Toni (Ex-SF-Ausbildner) reicht. Trotz dieser B-Jury kommt die Krönung des Hofnarren Ammann einem Offenbarungseid der ganzen Branche gleich und spricht zudem all jenen Nominierten Hohn, deren weniger glamourö¬se Arbeit ungleich mehr Erkenntniswerte darüber lieferte, was die Wirtschaftswelt im Innersten zusammenhält. Grund genug, mich aus diesem er¬lauchten Gremium zu verabschieden.

PS: In Island wurde grad der dortige WikiLeaks-Sprecher zum«Journalisten des Jahres» gekürt. Andere Länder, bessere Sitten.

 

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