«Wir müssen näher beim Produkt und näher bei den Lesern sein»

Théo Bouchat, Direktionsmitglied von Edipresse, über Le Matin und Le Matin Dimanche

Théo Bouchat, Direktionsmitglied von Edipresse, über Le Matin und Le Matin DimancheDie Westschweizer Verlegerin Edipresse hat ihre Direktion umstrukturiert und erweitert. Mit der neuen Aufgabenverteilung will man noch näher beim Produkt und beim Leser sein. Mit dem Facelifting für Le Matin Dimanche und Le Matin ist ein erster Schritt dazu getan worden.Edipresse hat die Direktion umstrukturiert und Ihre Stelle als Directeur des publications abgeschafft. Was sind die Gründe?
Théo Bouchat: Es kam bei diesem Direktionsposten etwas viel Arbeit zusammen für eine einzige Person. Die Funktion als solche wurde ja nicht abgeschafft, sondern auf mehrere Personen verteilt. So können wir uns jetzt intensiver mit der Entwicklung der einzelnen Titel befassen.
Sie haben aber damit an Einfluss eingebüsst. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Bouchat: Ich werde vermutlich unter besseren Bedingungen arbeiten können. Die Produkte Le Matin, Le Matin Dimanche, Femina, Tele Top Matin und Bilan allein geben schon genug Arbeit. Vorher musste ich mich ja noch um 24 Heures, Tribune de Genève sowie um die Marketingkoordination kümmern und mich mit Fragen der Werbung befassen.
Bedauern Sie den Verlust der Doppelfunktion Chefredaktor von Le Matin und Direktor der Publikationen?
Bouchat: Nein, die Chefredaktionsaufgabe war von vorneherein klar als Interimslösung gedacht. Diese Doppelfunktion war für mich zwar eine Bereicherung, doch konnte ich mich nie hundertprozentig für die eine oder andere Funktion engagieren. Auf der anderen Seite ist die Reorganisation, wie sie jetzt erfolgt ist, eine natürliche Entwicklung. Wir müssen näher beim Produkt und näher bei den Lesern sein. Deshalb besteht die Mediadirektion jetzt auch aus sechs anstatt wie bisher aus nur drei Personen.
Wollten Sie die Gelegenheit nicht nutzen und als Chefredaktor von Le Matin ganz in den Journalismus zurückkehren?
Bouchat: Mir genügt die Feststellung, dass ich es noch kann. Einen Augenblick lang habe ich tatsächlich damit geliebäugelt. Dann dachte ich aber sogleich über die zahlreichen Erfahrungen nach, die ich in den letzten Jahren in andern Bereichen gesammelt habe. Ich kam zum Schluss, dass ich mich in meiner Funktion reduzieren würde, wenn ich nun ganz zum Journalismus wechseln würde.
Warum ist es schwierig, einen Chefredaktor für Le Matin zu finden?
Bouchat: Wir haben ja erst vor einer Woche mit der Suche angefangen.
Haben Sie vorher nicht gesucht?
Bouchat: Nein. Nachdem es zum Bruch mit Daniel Pillard gekommen ist, wollten wir zuerst den Relaunch über die Bühne bringen. Jetzt suchen wir aber intensiv und hoffen, noch vor Ende dieses Jahres den neuen Chefredaktor vorstellen zu können.
Der Sonntagszeitung Le Matin Dimanche wurde kürzlich ein Facelifting verpasst. Was hat sich damit für die Leser geändert?
Bouchat: Die Zeitung erscheint geordneter und besser strukturiert, das heisst, sie ist übersichtlicher geworden. Ihr Erscheinungsbild ist jetzt auch eleganter. Der redaktionelle Inhalt wurde noch mehr den Erfordernissen einer anspruchsvollen Sonntagszeitung angepasst.
Warum hat man mit dem Facelifting nicht auch ein anderes Format gewählt, wie das für die Tageszeitung Le Matin geschehen ist?
Bouchat: Die Lesegewohnheiten für eine Sonntagszeitung sind nicht die gleichen wie jene für eine Tageszeitung. Das beginnt schon mit dem Ort der Lektüre. Während der Woche wird die Zeitung oft in Eile unterwegs konsumiert, am Sonntag setzt man sich gemütlich hin, um in Ruhe zu lesen. Man tauscht in der Familie die einzelnen Bünde aus. Ich glaube, dass in diesem Zusammenhang die Bünde eine wichtige Rolle spielen. Man sucht sich aus, was man zuerst lesen will.
Ist das Tabloidformat die Formel der Zukunft für eine Zeitung?
Bouchat: Das kann man nicht verallgemeinern. Ich glaube vielmehr, dass Format und Charakter der Zeitung zusammenpassen müssen.
Können Sie bereits mit Zahlen aufwarten, die etwas über den Erfolg des neuen Formats von Le Matin aussagen?
Bouchat: Eine telefonische Umfrage bei 1000 Personen in der Westschweiz zeigt, dass 33 Prozent der Befragten die Zeitung mit mehr Begeisterung lesen und 12 Prozent öfters Le Matin kaufen. Immerhin 88 Prozent behaupten, dass sie keine andere Zeitung mit so viel Interesse lesen. Und 93 Prozent schätzen die Zeitung als «Journal populaire» ein. Ein bemerkenswertes Detail bei dieser Umfrage: Etwa zehn Prozent haben das neue Format gar nicht wahrgenommen. Wir möchten nächstes Jahr bereits Wemf-geprüfte Daten mit einem Zuwachs präsentieren können, obwohl der neue Le Matin Ende 2001 nur vier Monate alt sein wird. Bereits mit der MACH-Basic 2002 können wir dann die Lesergewohnheiten präsentieren. Verglichen mit dem Oktober 2000 konnten wir dieses Jahr 2000 (4 Prozent) zusätzliche Käufer registrieren.
Sind die Inserenten zufrieden mit dem neuen Format? Oft hat man ja den Vorwurf gehört, dass beim Tabloidformat eine ganze Seite eben nicht eine ganze Seite sei.
Bouchat: Die das sagen, wollen einfach um den Preis feilschen. Die Reaktion der Inserenten war allgemein positiv, bietet das neue Format ihnen doch interessante Alternativen.
Im vergangenen Frühjahr haben sie für Femina, der Frauenzeitschrift, die Le Matin Dimanche beigelegt wird, eine Werbekampagne lanciert, um das Magazin gegenüber seiner Konkurrenz aufzuwerten. Wäre es nicht sinnvoll, diese Zeitschrift zu verselbständigen und am Kiosk zu verkaufen?
Bouchat: Gegenwärtig wollen wir vor allem das Gesamtangebot von Le Matin Dimanche aufwerten, und das geschieht auch mit den Beilagen. Mit der Sonntagsausgabe erreichen wir ein vielschichtiges Publikum, das wir so eben nicht ansprechen könnten, wenn es die verschiedenen Beilagen nicht gäbe. Zudem gibt es hier an den Westschweizer Kiosken schon genug Frauenzeitschriften.
Ist die Westschweiz reif für eine Gratiszeitung?
Bouchat: Der Markt ist zu klein. Die Westschweiz verfügt über keine städtischen Ballungszentren mit wichtigen Verkehrsadern, sodass auch die Distribution problematisch sein dürfte. Interview: Anita Vaucher

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