«Persönlicher Prüfstein»
«Express»-Chef Marius Hagger über Kosteneffizienz und hausinternen Wettbewerb
«Express»-Chef Marius Hagger über Kosteneffizienz und hausinternen WettbewerbVon Oliver Classen Im aktuellen Impressum firmiert zwar noch Heinz Krebs als Verlagsleiter des ZürichExpress. Seit Anfang Woche sitzt nun aber Ex-Journalist Marius Hagger in dessen Büro. Dort brütet er über Tamedias Schlachtplänen für den nächsten Pendlerzeitungskrieg. Und hofft auf mehr Kampfglück als mit der Kapitalvernichtungsmaschine Winner.
Ihr letztes grosses Printprojekt, das Facts-Pendant «Reflex», haben Sie noch unter Thomas Trüb für Ringier entwickelt. Nun verantworten Sie allein die neue 20- Minuten-Konkurrenz «Express». Sind Sie spezialisiert auf «Me too»-Produkte?
Marius Hagger: Eine originelle Frage, aber sie entspricht leider nicht den Tatsachen. Zum einen hatte unser «Reflex»-Konzept mehr mit der heutigen Weltwoche als dem damaligen Facts gemein, und zum andern wäre ich dort lediglich Mitglied der Gründungsredaktion gewesen. Auch der «Express», wie wir ihn planen, wird keinen «Me too»-Charakter haben, sondern eine klar unterscheidbare Innovation sein.
Als Leiter des Tamedia-Sparprogramms «Focus» haben Sie bislang Stellenprozente gestrichen. Jetzt schaffen Sie gleich 20 neue Jobs. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?
Hagger: Genugtuung ist nicht das richtige Wort. Ich bin froh über diese neue Chance. Speziell darüber, dass ich nach der auf der Umsatzseite schwierigen Aufbauerfahrung mit der Internetplattform Winner nun eine Möglichkeit erhalte, Geld nicht nur auszugeben, sondern auch zu verdienen. Und das werden wir auch. Die Organisations- und Kosteneffizienz, die ich während des im Sommer abgeschlossenen «Focus»-Jahres gelernt habe, wird dazu beitragen. Insofern ist der «Express» für mich auch ein persönlicher Prüfstein.
Bei einem Budgetvolumen von 5 Prozent des letztjährigen Konzernumsatzes, konkret rund 35 Millionen Franken, ist der «Express» auch für Ihren Chef Martin Kall eine Bewährungsprobe.
Hagger: Diese Zahl möchte ich nicht kommentieren. Richtig ist, dass wir uns in diesem Kampf um den Pendlermarkt finanziell und personell nicht auf einen Sprint, sondern auf einen Marathon einrichten müssen und werden.
Im internen Projekt-Argumentarium von Ende September war gar die Rede vom «Ehrgeiz, die beste Pendlerzeitung der Welt herzustellen».
Hagger: Wenn man in solch schwierigen Zeiten die Möglichkeit bekommt, mit beträchtlichen Mitteln ein neues Produkt auf die Beine zu stellen, muss daraus sicher die bestmögliche Zeitung werden. Alles andere wäre unverzeihlich.
Wie konkret soll sich «Express» inhaltlich von 20 Minuten abheben?
Hagger: Zum Beispiel durch journalistische Exzellenz. Mit der entsprechenden Redaktionscrew, die wir teilweise schon haben und noch zusätzlich rekrutieren, sollten täglich zwei bis drei Geschichten mit Primeurcharakter drinliegen, die das Zeug zum Stadtgespräch haben. Eine weitere Option sind Autoren und Kolumnisten, die überraschende Denkansätze präsentieren und das Blatt auch intellektuell profilieren. Sie sehen, es gibt genügend Differenzierungspotenzial.
Diese Vorgaben könnten auch vom neuen Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier stammen.
Hagger: Publizistischer Wettbewerb belebt das Geschäft, auch hausintern. Verglichen mit dem um ein Vielfaches höheren Redaktionsbudget des Tagi, kämpft der «Express» aber mit eher kurzen Spiessen. Dafür jedoch mit umso grösserem Engagement.
Soll der dem «Express» in der Hauszustellung beigelegte Amtsanzeiger «Tagblatt der Stadt Zürich» auch redaktionelle Eigenleistungen bieten?
Hagger: Das muss er sogar. Der laufende Vertrag mit der Stadt verpflichtet uns dazu. Und wir kommen diesem Service public auch gerne und gewissenhaft nach. Die Inhalte von Pendlerzeitung und Tagblatt werden allerdings komplementär sein, sich also nicht konkurrenzieren.
Wie viele der acht geplanten «Tagblatt»-Seiten werden nicht durch amtliche Anzeigen gefüllt?
Hagger: Das ist abhängig von der Tagesplanung. Ich gehe von zwei redaktionellen Seiten aus, der Rest sind amtliche und kommerzielle Anzeigen sowie Rubrikeninserate.
Ab kommenden Frühling publiziert Tamedia also drei Zürcher Tageszeitungen. Da wäre es der Übersichtlichkeit halber doch hilfreich, den Inseratemarkt entsprechend aufzuteilen: zum Beispiel dem Tages-Anzeiger die Imagekampagnen, dem «Express» die Empfehlungsanzeigen und dem «Tagblatt» die Rubriken.
Hagger: Eine solche Abgrenzung ist realitätsfern und entspricht auch nicht den Bedürfnissen des Anzeigenmarkts und schon gar nicht der Konkurrenzsituation im Pendlermarkt. «Tagblatt» und «Express» werden kommerziell komplementär positioniert und tariflich entsprechend ihrer Reichweite und Leserstruktur aufeinander abgestimmt.
Anbieten würden sich – in Analogie zum Fullhouse von Tagi und SonntagsZeitung – auch weitere hausinterne Kombis.
Hagger: Sinnvolle Optionen werden wir zu gegebener Zeit sicher eingehend prüfen. Zunächst bleibt aber einmal abzuwarten, wie der Markt die neuen Produkte aufnimmt. Dieser Prozess lässt sich nur begrenzt steuern.
Die Distribution hingegen sehr genau. Hier erstaunt, dass Tamedia trotz offizieller Kriegserklärung Erzfeind 20 Minuten weiterhin seine Logistik zur Verfügung stellt. Angesichts der martialischen Rhetorik Ihres Chefs erscheint es zwingend, diesen Vertrag über die Boxen- und Kolportagebelieferung aufzulösen.
Hagger: Das sehe ich anders. Ich habe kein Problem damit, dass Tamedia ihre Verteilkapazitäten auslastet und damit gutes Geld verdient. Ausserdem würde 20 Minuten sonst einfach eigene Strukturen aufbauen. Mit einer Kündigung wäre also nichts gewonnen, aber etwas verloren, nämlich ein interessanter Auftrag.
Wie viele Kolporteure werden Anfang April zum Einsatz kommen?
Hagger: Der Launch-Zeitpunkt steht noch nicht fest. Wir werden mit über 100 Kolporteuren arbeiten, diese sehr genau auswählen und im Rahmen des Möglichen auch auf ihre Aufgabe vorbereiten. Schliesslich sind sie unsere Produktmanager an der Front.
Steuern können Sie auch den Druck des «Express». Knapp die Hälfte der 300000 Exemplare starken Startauflage muss auswärts produziert werden. Wer hat den Druckauftrag nun erhalten?
Hagger: Tamedia wird einen Grossteil der «Express»-Auflage sowie das «Tagblatt» selber drucken. Bis wir Mitte 2004 unsere neuen, noch leistungsfähigeren Druckmaschinen in Betrieb nehmen , wird die Firma Zehnder in Wil den restlichen, ebenfalls grossen Teil der «Express»-Auflage drucken.
Siehe auch Seite 20
Ihr letztes grosses Printprojekt, das Facts-Pendant «Reflex», haben Sie noch unter Thomas Trüb für Ringier entwickelt. Nun verantworten Sie allein die neue 20- Minuten-Konkurrenz «Express». Sind Sie spezialisiert auf «Me too»-Produkte?
Marius Hagger: Eine originelle Frage, aber sie entspricht leider nicht den Tatsachen. Zum einen hatte unser «Reflex»-Konzept mehr mit der heutigen Weltwoche als dem damaligen Facts gemein, und zum andern wäre ich dort lediglich Mitglied der Gründungsredaktion gewesen. Auch der «Express», wie wir ihn planen, wird keinen «Me too»-Charakter haben, sondern eine klar unterscheidbare Innovation sein.
Als Leiter des Tamedia-Sparprogramms «Focus» haben Sie bislang Stellenprozente gestrichen. Jetzt schaffen Sie gleich 20 neue Jobs. Erfüllt Sie das mit Genugtuung?
Hagger: Genugtuung ist nicht das richtige Wort. Ich bin froh über diese neue Chance. Speziell darüber, dass ich nach der auf der Umsatzseite schwierigen Aufbauerfahrung mit der Internetplattform Winner nun eine Möglichkeit erhalte, Geld nicht nur auszugeben, sondern auch zu verdienen. Und das werden wir auch. Die Organisations- und Kosteneffizienz, die ich während des im Sommer abgeschlossenen «Focus»-Jahres gelernt habe, wird dazu beitragen. Insofern ist der «Express» für mich auch ein persönlicher Prüfstein.
Bei einem Budgetvolumen von 5 Prozent des letztjährigen Konzernumsatzes, konkret rund 35 Millionen Franken, ist der «Express» auch für Ihren Chef Martin Kall eine Bewährungsprobe.
Hagger: Diese Zahl möchte ich nicht kommentieren. Richtig ist, dass wir uns in diesem Kampf um den Pendlermarkt finanziell und personell nicht auf einen Sprint, sondern auf einen Marathon einrichten müssen und werden.
Im internen Projekt-Argumentarium von Ende September war gar die Rede vom «Ehrgeiz, die beste Pendlerzeitung der Welt herzustellen».
Hagger: Wenn man in solch schwierigen Zeiten die Möglichkeit bekommt, mit beträchtlichen Mitteln ein neues Produkt auf die Beine zu stellen, muss daraus sicher die bestmögliche Zeitung werden. Alles andere wäre unverzeihlich.
Wie konkret soll sich «Express» inhaltlich von 20 Minuten abheben?
Hagger: Zum Beispiel durch journalistische Exzellenz. Mit der entsprechenden Redaktionscrew, die wir teilweise schon haben und noch zusätzlich rekrutieren, sollten täglich zwei bis drei Geschichten mit Primeurcharakter drinliegen, die das Zeug zum Stadtgespräch haben. Eine weitere Option sind Autoren und Kolumnisten, die überraschende Denkansätze präsentieren und das Blatt auch intellektuell profilieren. Sie sehen, es gibt genügend Differenzierungspotenzial.
Diese Vorgaben könnten auch vom neuen Tages-Anzeiger-Chefredaktor Peter Hartmeier stammen.
Hagger: Publizistischer Wettbewerb belebt das Geschäft, auch hausintern. Verglichen mit dem um ein Vielfaches höheren Redaktionsbudget des Tagi, kämpft der «Express» aber mit eher kurzen Spiessen. Dafür jedoch mit umso grösserem Engagement.
Soll der dem «Express» in der Hauszustellung beigelegte Amtsanzeiger «Tagblatt der Stadt Zürich» auch redaktionelle Eigenleistungen bieten?
Hagger: Das muss er sogar. Der laufende Vertrag mit der Stadt verpflichtet uns dazu. Und wir kommen diesem Service public auch gerne und gewissenhaft nach. Die Inhalte von Pendlerzeitung und Tagblatt werden allerdings komplementär sein, sich also nicht konkurrenzieren.
Wie viele der acht geplanten «Tagblatt»-Seiten werden nicht durch amtliche Anzeigen gefüllt?
Hagger: Das ist abhängig von der Tagesplanung. Ich gehe von zwei redaktionellen Seiten aus, der Rest sind amtliche und kommerzielle Anzeigen sowie Rubrikeninserate.
Ab kommenden Frühling publiziert Tamedia also drei Zürcher Tageszeitungen. Da wäre es der Übersichtlichkeit halber doch hilfreich, den Inseratemarkt entsprechend aufzuteilen: zum Beispiel dem Tages-Anzeiger die Imagekampagnen, dem «Express» die Empfehlungsanzeigen und dem «Tagblatt» die Rubriken.
Hagger: Eine solche Abgrenzung ist realitätsfern und entspricht auch nicht den Bedürfnissen des Anzeigenmarkts und schon gar nicht der Konkurrenzsituation im Pendlermarkt. «Tagblatt» und «Express» werden kommerziell komplementär positioniert und tariflich entsprechend ihrer Reichweite und Leserstruktur aufeinander abgestimmt.
Anbieten würden sich – in Analogie zum Fullhouse von Tagi und SonntagsZeitung – auch weitere hausinterne Kombis.
Hagger: Sinnvolle Optionen werden wir zu gegebener Zeit sicher eingehend prüfen. Zunächst bleibt aber einmal abzuwarten, wie der Markt die neuen Produkte aufnimmt. Dieser Prozess lässt sich nur begrenzt steuern.
Die Distribution hingegen sehr genau. Hier erstaunt, dass Tamedia trotz offizieller Kriegserklärung Erzfeind 20 Minuten weiterhin seine Logistik zur Verfügung stellt. Angesichts der martialischen Rhetorik Ihres Chefs erscheint es zwingend, diesen Vertrag über die Boxen- und Kolportagebelieferung aufzulösen.
Hagger: Das sehe ich anders. Ich habe kein Problem damit, dass Tamedia ihre Verteilkapazitäten auslastet und damit gutes Geld verdient. Ausserdem würde 20 Minuten sonst einfach eigene Strukturen aufbauen. Mit einer Kündigung wäre also nichts gewonnen, aber etwas verloren, nämlich ein interessanter Auftrag.
Wie viele Kolporteure werden Anfang April zum Einsatz kommen?
Hagger: Der Launch-Zeitpunkt steht noch nicht fest. Wir werden mit über 100 Kolporteuren arbeiten, diese sehr genau auswählen und im Rahmen des Möglichen auch auf ihre Aufgabe vorbereiten. Schliesslich sind sie unsere Produktmanager an der Front.
Steuern können Sie auch den Druck des «Express». Knapp die Hälfte der 300000 Exemplare starken Startauflage muss auswärts produziert werden. Wer hat den Druckauftrag nun erhalten?
Hagger: Tamedia wird einen Grossteil der «Express»-Auflage sowie das «Tagblatt» selber drucken. Bis wir Mitte 2004 unsere neuen, noch leistungsfähigeren Druckmaschinen in Betrieb nehmen , wird die Firma Zehnder in Wil den restlichen, ebenfalls grossen Teil der «Express»-Auflage drucken.
Siehe auch Seite 20
