Die Scherenschleifer von der Köchlistrasse

Agenturen Hesskiss gilt als Hotshop unter den neu gegründeten Werbeagenturen. Roland Hess und Tamás Kiss sorgen immer für gute Laune, auch bei den Mitarbeitenden. Jetzt wurde die Firma zur besten Newcomer- Agentur der Schweiz 2002 gekürt.

Agenturen Hesskiss gilt als Hotshop unter den neu gegründeten Werbeagenturen. Roland Hess und Tamás Kiss sorgen immer für gute Laune, auch bei den Mitarbeitenden. Jetzt wurde die Firma zur besten Newcomer- Agentur der Schweiz 2002 gekürt. In der Schweizer Werbelandschaft sieht es zurzeit düster aus. Nicht so an der Zürcher Köchlistrasse, wo die Fenster der Agentur Hesskiss hell erleuchtet sind. In den 300 Quadratmeter grossen Räumen einer ehemaligen Druckerei sitzt das Team noch an Computern. Im Sitzungszimmer steht der Champagner im Eiskübel, die Sushi-Häppchen glänzen unter der Folie. Gleich wollen Roland Hess und Tamás Kiss ihrer Belegschaft die frohe Botschaft mitteilen, nämlich, dass ihr Team als beste Newcomer-Agentur des Jahres 2002 gekürt worden ist.Vor neun Jahren beschlossen Art Director Roland Hess und Texter Tamás Kiss, die unergründlichen Wege der Werbung gemeinsam zu beschreiten. Nach einer sechsjährigen Reise kamen sie bei der gemeinsamen Agentur Hesskiss an. Seither teilen sie nebst Freud und Leid auch noch die Kasse.
Die Newcomer-Auszeichnung bedeutet den beiden Jungunternehmern viel, «weil der Wettbewerb vor allem nicht allein das kreative, sondern auch das wirtschaftliche Schaffen junger Agenturen beurteilt». Zudem bestätige sie Hess und Kiss darin, mit ihrem Hotshop auf dem richtigen Weg zu sein. Ziel der beiden war stets, sexy Werbung zu betreiben, die durch Einfachheit und Originalität besticht. «Schön, wenn sich unsere Ideen in ADC-Preisen niederschlagen, in erster Linie jedoch sollen sie sich auf die Bilanzen unserer Auftraggeber auswirken», betonen Hess und Kiss. Dass der Kunde Kaiser ist, hat das Duo in Grossagenturen wie Weber Hodel Schmid (WHS), Zürich, oder Jung von Matt an der Elbe gelernt. So schwören beide nicht nur auf Präzision und Schnelligkeit, sondern auch auf ein persönliches Verhältnis zum Kunden.
Das Überflüssige wegschneidenMit schwülstigen Firmenleitbildern haben die kreativen Köpfe nichts am Hut. Lieber vertrauen sie darauf, dass das Gute oft sehr nahe liegt. Als Symbol ihrer Philosophie fungiert daher ein einfaches Arbeitsinstrument: die Schere. «Gute Werbung zeichnet sich schliesslich dadurch aus, dass Unnötiges weggeschnitten und die Botschaft mit Hilfe einer messerscharfen Idee vermittelt wird», sind Hess und Kiss überzeugt. Zur Demonstration dieser Arbeitsweise sowie als Inspiration für zugespitzte Briefings erhalten Kunden zum Auftakt stets eine Hesskiss-Schere. Und weil das Haus nicht nur auf das innere, sondern auch auf das äussere Erscheinungsbild grossen Wert legt, werfen sich die Kreativen bei wichtigen Präsentationen in Massanzüge – gehalten in den Corporate colours Braun und Weiss.
Damit auch Neulinge schnell mit dem Esprit des Hauses vertraut werden, bekommen sie am ersten Arbeitstag eine «Firmenbibel» in die Hände gedrückt. Darin ist in «Zehn Geboten» das Wichtigste über Leitlinien und Arbeitssysteme des Ladens zu erfahren. Von einer Dogmatisierung kann dennoch nicht die Rede sein, wird im «Vaterunser» doch nicht nur für Budgets, sondern auch für ein prima Agenturklima gebetet. Und als heilige Überkreative verstehen sich Hess und Kiss nun schon gar nicht. Im Gegenteil, die Arbeit im Team zeichne sich durch eine ausgesprochen flache Hierarchie aus: «Wichtig ist nicht, wer die entscheidende Idee hat, sondern dass wir sie haben.»
Ob mit der Entwicklung innovativer Arbeitsmethoden oder identitätsstiftenden Elementen wie beispielsweise der Hausfarbe Braun – Hesskiss will zeigen, dass sie «ein wenig anders ticken», als andere Agenturen. Anders tickten Roland Hess und Tamás Kiss bereits, als sie sich 1994 bei WHS zum ersten Mal über den Weg liefen: Als «Rookie Team» hatten sie damals eine «fraktale Kampagne» für die Tages-Anzeiger-Jugendbeilage Ernst ausgeheckt, lernten sich kennen – und schätzen. Ein gemeinsamer Sinn für Humor und gute Effekte, gepaart mit Sympathie und komplementärem Know-how, liess den Traum von der eigenen Agentur in ihren Köpfen und Herzen reifen.
Sieben Jahre später begannen sie als Freelance-Team für Agenturen zusammenzuarbeiten. Im Dezember 2000 wurde der Grundstein zu Hesskiss gelegt. Als Verstärkung in den Bereichen Strategie und Beratung stiess Mitte 2001 mit Nicole Mayer eine weitere Seelenverwandte aus WHS-Zeiten dazu. Heute macht Hesskiss mit einem sechsköpfigen Team von Festangestellten die Werbelandschaft unsicher.
Davon haben bereits Kunden wie Trojka Vodka, Radio Zürisee, FC Zürich, Kunsthaus Zürich, Migros Kulturprozent, British Tourist Authority oder The e-Firm profitiert. Als neuester Kunde ging der Agentur mit dem Gratiszeitungsprojekt «Express» (bisher Zürich Express) ein begehrter Fisch ins Netz.
Design-Guru Tyler Brûlé goutierte Ideen von der Köchlistrasse gar im «Schweiz Special» von Wallpaper. Beim Schweizer ADC haben Hesskiss ihre Visitenkarte schon abgegeben und ein Mal Silber sowie sieben Mal Bronze geholt. Grund zu feiern gibt es an der Köchlistrasse also genug. Die Gründerväter sind mit der Entwicklung ihres Babys «mehr als happy». Gemeinsam wollen sie mit guten Kunden weiter wachsen. Für das Jahr 2003 wünschen sie sich nun zweierlei: «Privat sowie unternehmerisch gesund bleiben und dabei immer viel lachen. Dann kommts bestimmt gut.»
Roland Hess (l.) und Tamás Kiss: In ihrem Hotshop muss die
Arbeit auch Spass machen.
Bernie’s Wenn der Holzkleiderbügel im Frühjahr treibt, ist für Hesskiss die Zeit reif, die Garderobe zu erneuern: Anzeige für Bernie’s.
James Blunt Victory-Zeichen für den Zürcher Hanfladen.
Radio Zürisee Radiowellen vom Seegrund.
20 Minuten Für das WM-Special des Pendlerblattes zog die Agentur einem Fussballer Schuhe und Strümpfe aus, um mit seinen Zehen den Countdown bis zum Finalspiel zu dramatisieren.
Roland Hess: Creative Direction Roland Hess (32) absolvierte die Kunstgewerbeschule in Basel. Von 1988 bis 1993 war er bei DDB cR als Grafiker tätig; von 1994 bis 1998 arbeitete Hess im Hause Weber Hodel Schmid, Zürich, als Art Director. Anschliessend wechselte er zu Jung von Matt/Hamburg, wo der AD Bild, Deutsche Post, Deutsche Bahn, Seidensticker, Welt am Sonntag, Jever und Brigitte betreute.
Tamás Kiss: Geschäftsführer & TexterTamás Kiss (35) studierte an der Universität Zürich Jura. Nach dem Abschluss begann er 1993 ein Praktikum bei Honegger von Matt in Zürich. Danach wechselte er als Texter zu WHS, Zürich. 1998 machte Kiss einen Abstecher zu JvM nach Hamburg und kehrte im gleichen Jahr als stellvertretender Creative Director zu WHS, Smart Factory, zurück. 1999 betreute Kiss eigene Kunden wie Stefan Angehrn, den FC Zürich und das Schauspielhaus Zürich.
Nicole Mayer: Strategie & BeratungNicole Mayer (30) absolvierte eine kaufmännische Lehre bei TBWA, Zürich. Anschliessend war sie während vier Jahren Junior-Beraterin bei WHS, Zürich. Als diplomierte Werbeassistentin wechselte sie 1995 zu Heye+Partner, Unterhaching/München. 1998 wurde Mayer Unit-Leiterin bei JWT+H+F und betreute Marken wie Heineken, Elida Fabergé, J&B Whisky und Siemens.
Jahrbuch der WerbungEine 19-köpfige unabhängige Jury hat der Agentur Hesskiss den Sonderpreis «Newcomer-Agentur der Schweiz 2002» zugesprochen. Der Wettbewerb wird exklusiv vom Jahrbuch der Werbung durchgeführt. Sein Ziel ist es, den neu gegründeten Werbeagenturen eine öffentliche Plattform zu geben. Kontakt via Peter Strahlendorf, Chefredaktor und Mitherausgeber des Jahrbuchs der Werbung: 0049 40 60 900 911.
(ww)
Carole Koch

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