Verhängnisvoller Fetischcharakter

Aufgefallen Kommunikation um jeden Preis ist so kontraproduktiv wie das Totschweigen. Alles ist nur eine Frage der Dosis.

Kolumne Kommunikation um jeden Preis ist so kontraproduktiv wie das Totschweigen. Alles ist nur eine Frage der Dosis.Kommunikation ist nicht alles, aber ohne Kommunikation ist alles nichts. Diese Binsenweisheit musste lange genug erkämpft werden, gegen die Informations- und Diskussionsverweigerer hier und anderswo. Tempi passati. Heute gehört eine offene und aktive Kommunikationspolitik schon fast zum guten Ton. Jedenfalls bestreitet niemand mehr die entsprechenden Ansprüche und Anforderungen. Wer immer heute etwas bedeuten, erreichen, verteidigen oder verändern will, muss kommunizieren wollen und kommunizieren können. Er muss also nicht nur sach- und sozialkompetent sein, sondern auch kommunikationskompetent. Das Vertrauen von Wählern, Steuerzahlern, Mitgliedern, Mitarbeitern, Sozialpartnern, Kunden oder Journalisten gewinnt, wer seine Vorhaben, Entscheidungen und Interessen begründen und plausibilisieren kann, damit sie von den Betroffenen (respektive von deren Sachwaltern und Interpreten) verstanden und akzeptiert werden können. Viele Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur haben sich dieses Gebot – nach langem Schweigen und Mauern – mittlerweile in einem Ausmass zu Eigen gemacht, das nun zur Beunruhigung Anlass gibt: Es wird auf Teufel komm raus kommuniziert – auch wenn man nichts oder nichts Neues zu sagen hat.
Oder es wird manchmal sogar in guter Absicht verfrüht kommuniziert. Beispielsweise, wenn ein Projekt noch nicht ausgereift, noch zu wenig abgestützt ist. Oder wenn der zu kommunizierende Entscheid noch gar nicht gefallen, der Entscheidungsprozess noch offen ist. Die für alle Beteiligten unangenehme Folge solchen Übereifers: Entweder folgen den Worten keine Taten, was mit Vertrauens- und Glaubwürdigkeitsverlust teuer bezahlt wird. Oder man ist plötzlich in der Pflicht und muss den schönen Worten gute Taten folgen lassen, die man so weder gewollt noch in ihren Auswirkungen bedacht hat.
Verbreitet ist schliesslich auch der Sündenfall der einseitigen Informationspolitik, die ausschliesslich oder zumindest zuerst via Medien stattfindet. Immer mehr Executives gieren nach öffentlicher Aufmerksamkeit, bevor sie in gleicher Sache die von einem Vorhaben oder einer Entscheidung Betroffenen orientiert haben – und lösen unnötige Irritationen bis hin zu handfestem Widerstand aus. Oder man benutzt die Hersteller von Öffentlichkeit als Instrument zur Platzierung interessensgeleiteter Botschaften, ohne zu bedenken, dass Medien vielfach andere Interessen verfolgen. Oder aber ohne
zu bedenken, dass der anvisierte Empfänger der Mitteilung vermutlich wenig Freude hat, diese zuerst in der Presse zu lesen.
Kommunikation als Fetisch hat ihre Tücken und Kehrseiten, die sorgsam bedacht und unbedingt berücksichtigt sein wollen. Im Zentrum kommunikativer Professionalität muss stets die Frage stehen, was und wann genau über welchen Kanal an welche Adresse kommuniziert werden soll. Die konsequente Anwendung dieser Maxime bedeutet, dass eine etwas zurückhaltendere, besser dosierte und nicht nur über die Medien abgewickelte Kommunikation manchmal die klügere Variante ist.
Kenneth Angst war Mitglied der Chefredaktionen von Weltwoche und NZZ und ist heute Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Mediapolis, Zürich.

More articles on the topic