Im Westen viel Neues

Verlage Ringiers strategische Kehrtwende in der Romandie wirft Fragen auf: Wurde dimanche.ch der Allianz mit Edipresse geopfert? Und welche Synergiepotenziale birgt die neue Liaison?

Verlage Ringiers strategische Kehrtwende in der Romandie wirft Fragen auf: Wurde dimanche.ch der Allianz mit Edipresse geopfert? Und welche Synergiepotenziale birgt die neue Liaison?Die eigene Todesanzeige, mit der sich die abgewickelte Redaktion von dimanche.ch vergangenen Sonntag von ihren Lesern (zuletzt immerhin 120000) verabschiedete, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Angeprangert wird darin neben der «brutalité des stratégies d’éditeurs» vor allem deren konjunkturbedingte Mutlosigkeit bezüglich aufstrebender Neulancierungen.
Martin Werfeli zeigt auf Nachfrage zwar Verständnis für diesen «etwas schrillen Ton». Zugleich legt der Ringier-CEO jedoch Wert auf die Feststellung, dass die von (Ex)Chefredaktor Daniel Pillard öffentlich gemachten zehn Millionen Franken Verlust, die Ringier Romandie mit dimanche.ch seit Ende 1999 eingefahren haben soll, «völlig falsch» (sprich: viel zu niedrig) seien.
Die Vermutung, bei der Einstellung des Produkts mit dem programmatischen «Dot» im Titel handle es sich um Ringiers letzte Portfolio-Bereinigung im Bereich New Economy, dementiert Werfeli energisch. «Dimanche.ch war kein Kind des Internet-Booms, sondern eine glänzend gemachte, kommerziell nur leider glücklose Sonntagszeitung.»
Auch den noch ungleich näher liegenden Verdacht, die am Schluss noch 25-köpfige Belegschaft habe als blosses Bauernopfer für den strategischen Schulterschluss mit Edipresse herhalten müssen, weist der Konzernchef von sich. Die von der Wettbewerbskommission noch zu genehmigende Aufstockung des Le Temps-Anteils von bislang neun auf 41 Prozent – und damit gleichviel wie Edipresse – habe «nichts, aber auch gar nichts» mit dem Westschweizer Sonntagszeitungsmarkt zu tun. Ein Markt nota bene, auf dem Ringiers neuer Jointventure-Partner mit Le Matin Dimanche (jetzt schon 625000 Leser) nach nur dreieinhalbjährigem Zwischenspiel nun wieder quasi das Monopol hat.
Die weit reichendste Spekulation nach Bekanntwerden von Ringiers Einstieg ins welsche Tageszeitungsgeschäft lautet indes, dass die in diesem Ausmass überraschende Flurbereinigung bald schon «eine Schweizer Elefantenhochzeit» (FAZ) folgen könnte. «Wer einen ersten Schritt macht, plant nicht notwendigerweise auch einen zweiten», heisst es dazu vorsichtig von Werfeli. Aber auch wenn Edipresse für Ringier vorerst kein neuer Fall Jean Frey oder gar Springer werden sollte: Die Synergiepotenziale zwischen den beiden Grossverlagen lassen heute schon Leute um ihren Job fürchten. Zum Beispiel die drei, vier Macher der wöchentlichen Fernsehbeilage Télé Temps, die der TV-8-Herausgeberin Ringier schon länger ein Dorn im Auge ist. «Ja, hier steht wohl eine Änderung an», konzediert Werfeli, ohne freilich konkreter werden zu wollen.
Indes: Die durch wechselseitige Gefälligkeiten möglich gewordene Allianz der Giganten – Ringier hat endlich wieder eine Qualitätszeitung im Portfolio und Edipresse einen Genossen im Kampf gegen die französische Hersant-Gruppe – dürfte bei der Wettbewerbskommission (Weko) kaum ungeschoren davonkommen. Wenn schon die demokratiepolitisch eher unbedenkliche 20-Minuten-Übernahme durch Tamedia einer vertieften Prüfung unterzogen wird, könnte diese, eine ganze Sprachregion betreffende Marktaufteilung bei der Berner Behörde auf ziemlich grundsätzliche Bedenken stossen. Noch aber ist gemäss Weko-Vizedirektor Patrick Ducrey nicht einmal ein Genehmigungsantrag deponiert worden.
Gefragt nach der Rolle von Ex-Edipresse-Mann Jacques Pilet, der seit fünf Jahren in Ringiers Diensten steht, in dem epochalen Deal, gibt sich Werfeli unverbindlich: «Jedenfalls hat er nicht den Türöffner spielen müssen. Pilet hat bekanntlich eine zentrale Stellung in der Westschweizer Presselandschaft. Als gemeinsame Le-Temps-Aktionäre haben Edipresse und Ringier aber schon vor letztem Freitag den direkten Kontakt gepflegt.» Dieser ging dem Vernehmen nach in jüngster Zeit so weit, dass sich die beiden Verlagspatrons und Kunstliebhaber erste gegenseitige Hausbesuche abstatteten. Da hätte man gerne Mäuschen gespielt…
Unter Absingen wüster Lieder schrieben Dimanche.ch-Redaktoren ihre Todesanzeige.

Oliver Classen

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