Kolumnen sind Kerker
Aufgefallen Kommentatoren und Leitartikler sind vom Glauben abgefallene Prediger und als solche bemitleidenswert. Ein paradoxes Plädoyer für weniger Meinungsmache und mehr Realitätsnähe der Medien.
Kolumne Kommentatoren und Leitartikler sind vom Glauben abgefallene Prediger und als solche bemitleidenswert. Ein paradoxes Plädoyer für weniger Meinungsmache und mehr Realitätsnähe der Medien.Eine der Fragen, die man im Leben nie geklärt haben will, ist, wie sich Senilität anfühlt: Merkt man es, wenn sie anfängt? Und wenn: Merkt man es als Erster, oder fällt es den anderen vorher auf? Und woher weiss man, dass es nicht schon längst begonnen hat?Niemand kann in dieser Frage ohne Furcht sein, am wenigsten aber die Journalisten. Man kennt einfach zu viele Beispiele mit Namen und Gesicht. Denn Journalisten sind gezwungen, bis zum Tod (zumindest dem beruflichen) zu publizieren: Ihre Senilität wird damit zum öffentlichen Schauspiel.
Meist beginnt es schleichend. Das Handwerk funktioniert fast bis zum Schluss. Noch immer rollen die Sätze, Argumente, Pointen ab. Dennoch: Etwas fehlt. Es ist die alte Melodie – nur klingt sie wie aus einer Spieldose mit überdehnter Feder. Und bald riecht alles nur noch nach Verfall und Verwesung.
Wie ein Fluch scheint vorzeitige Senilität gerade die Besten und Mächtigsten der Branche zu treffen: amtierende und ehemalige Chefredaktoren, gefragte Experten, Reporter, denen man einst Respekt zollte. Beispiele? Sie kennen genügend.
Der geistige Niedergang gerade der Namhaften des Metiers ist statistisch viel zu häufig, als dass er individuell begründbar wäre. Folglich ist die Sache kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles: Man hetzt unsere besten Leute in eine unmögliche Aufgabe. Tatsächlich ist die Diagnose in einem Wort stellbar. Sie lautet «Meinung».
Das Gefährliche an der eigenen Meinung ist ihre Überbewertung. Verhängnisvollerweise gilt sie als zentraler Bestandteil der Persönlichkeit. Dabei gibt es wenig, was unpersönlicher und zufälliger wäre. Meinungen wachsen so automatisch wie Haare. Man hat Unzählige davon, egal, ob zu
Sex, Handys oder Weltpolitik.
Das ist auch okay so. Schliesslich ist das Leben weder Philosophieseminar noch Quizshow. Nicht okay ist nur, wenn der Unfug publiziert wird. Klar hat jeder Meinungen, die interessant und relevant sind: solche, die durch echte Kenntnisse und wirkliche Leidenschaft gedeckt sind. Aber wie viele sind das? Höchstens ein Dutzend. Zu wenig jedenfalls für ein Berufsleben.
Nicht umsonst gilt der Leserbrief als das niedrigste Genre des Journalismus: Meinung ist hier gratis und wird auch nicht bezahlt. Umso unerfindlicher, dass für dieselbe Ware in Form von Kolumne, Kommentar, Leitartikel das Gegenteil gilt: Nur weil hier ein Name mit Foto schreibt.
Wöchentlich schreiben begabte Leute über Themen, bei denen man keine andere
Alternative hat, als Possen zu reissen: die Europafrage, weisse Socken, Medienethik usw. Das Resultat wird vielleicht provokativ, elegant, sogar intelligent, aber doch immer nur das Wort zum Samstag sein: eine Predigt ohne Glauben, ein Vorurteil in Sauce.
Das Gegengift gegen Meinungsschwachsinn heisst Recherche oder Reportage. Ihr gemeinsames Merkmal: Sämtliche am Schreibtisch gemachten Vermutungen lassen sich draussen nicht bestätigen. Das wirkt nicht nur ehrlicher, sondern vor allem auch interessanter. «Wenig», wusste schon der rasende Reporter Kisch, «ist verblüffender als die Wirklichkeit.»
Das Tödliche an der Journalistenkarriere ist, dass Volontäre Geschichten schreiben, während die Etablierten sich als Edelleserbriefschreiber zeilenweise um den Verstand bringen. Sicher: Von Zeit zu Zeit muss man müde Journalisten schonen und ausgelaugte Chefredaktoren feuern. Das Problem dabei ist nur, dass es für sie kein Resozialisierungsprogramm gibt. Man sollte sie also nicht auf die Strasse stellen, sondern schicken. Ihnen den Publizistenstatus zu verleihen, heisst, sie in der eigenen Sauce zu kochen. Denn Kolumnen, Mbwana, sind Kerker.
PS: Merkt man schon was?
> Constantin Seibt ist Inland- und Wirtschaftsredaktor bei der WochenZeitung (WoZ).
Meist beginnt es schleichend. Das Handwerk funktioniert fast bis zum Schluss. Noch immer rollen die Sätze, Argumente, Pointen ab. Dennoch: Etwas fehlt. Es ist die alte Melodie – nur klingt sie wie aus einer Spieldose mit überdehnter Feder. Und bald riecht alles nur noch nach Verfall und Verwesung.
Wie ein Fluch scheint vorzeitige Senilität gerade die Besten und Mächtigsten der Branche zu treffen: amtierende und ehemalige Chefredaktoren, gefragte Experten, Reporter, denen man einst Respekt zollte. Beispiele? Sie kennen genügend.
Der geistige Niedergang gerade der Namhaften des Metiers ist statistisch viel zu häufig, als dass er individuell begründbar wäre. Folglich ist die Sache kein persönliches Problem, sondern ein strukturelles: Man hetzt unsere besten Leute in eine unmögliche Aufgabe. Tatsächlich ist die Diagnose in einem Wort stellbar. Sie lautet «Meinung».
Das Gefährliche an der eigenen Meinung ist ihre Überbewertung. Verhängnisvollerweise gilt sie als zentraler Bestandteil der Persönlichkeit. Dabei gibt es wenig, was unpersönlicher und zufälliger wäre. Meinungen wachsen so automatisch wie Haare. Man hat Unzählige davon, egal, ob zu
Sex, Handys oder Weltpolitik.
Das ist auch okay so. Schliesslich ist das Leben weder Philosophieseminar noch Quizshow. Nicht okay ist nur, wenn der Unfug publiziert wird. Klar hat jeder Meinungen, die interessant und relevant sind: solche, die durch echte Kenntnisse und wirkliche Leidenschaft gedeckt sind. Aber wie viele sind das? Höchstens ein Dutzend. Zu wenig jedenfalls für ein Berufsleben.
Nicht umsonst gilt der Leserbrief als das niedrigste Genre des Journalismus: Meinung ist hier gratis und wird auch nicht bezahlt. Umso unerfindlicher, dass für dieselbe Ware in Form von Kolumne, Kommentar, Leitartikel das Gegenteil gilt: Nur weil hier ein Name mit Foto schreibt.
Wöchentlich schreiben begabte Leute über Themen, bei denen man keine andere
Alternative hat, als Possen zu reissen: die Europafrage, weisse Socken, Medienethik usw. Das Resultat wird vielleicht provokativ, elegant, sogar intelligent, aber doch immer nur das Wort zum Samstag sein: eine Predigt ohne Glauben, ein Vorurteil in Sauce.
Das Gegengift gegen Meinungsschwachsinn heisst Recherche oder Reportage. Ihr gemeinsames Merkmal: Sämtliche am Schreibtisch gemachten Vermutungen lassen sich draussen nicht bestätigen. Das wirkt nicht nur ehrlicher, sondern vor allem auch interessanter. «Wenig», wusste schon der rasende Reporter Kisch, «ist verblüffender als die Wirklichkeit.»
Das Tödliche an der Journalistenkarriere ist, dass Volontäre Geschichten schreiben, während die Etablierten sich als Edelleserbriefschreiber zeilenweise um den Verstand bringen. Sicher: Von Zeit zu Zeit muss man müde Journalisten schonen und ausgelaugte Chefredaktoren feuern. Das Problem dabei ist nur, dass es für sie kein Resozialisierungsprogramm gibt. Man sollte sie also nicht auf die Strasse stellen, sondern schicken. Ihnen den Publizistenstatus zu verleihen, heisst, sie in der eigenen Sauce zu kochen. Denn Kolumnen, Mbwana, sind Kerker.
PS: Merkt man schon was?
> Constantin Seibt ist Inland- und Wirtschaftsredaktor bei der WochenZeitung (WoZ).
