Chüngelizüchter-Charme

Gastkommentar Die Tierwelt zeigt, wie bodenständig und zugleich lukrativ Gesellschaftsjournalismus heute sein kann, schreibt Francis Müller.

Gastkommentar Die Tierwelt zeigt, wie bodenständig und zugleich lukrativ Gesellschaftsjournalismus heute sein kann, schreibt Francis Müller.
Im bunten Anzeigenmarkt des Magazins Tierwelt gibts so ziemlich alles, was ein halbwegs zivilisierter Zeitgenosse braucht. Das Angebot reicht von Kalaschnikows und Kastrationszangen (für Eber) über Sicherheitsunterwäsche und Zahnoperationen in Ungarn bis zu Militärküchen und heiratswilligen Frauen aus Polen. Während in der Medienbranche epochales Zähneklappern herrscht, scheint «Krise» im Zofinger Verlagshaus ein Fremdwort zu sein. Die Tierwelt verzeichnet sogar Zuwachsraten – im Anzeigenbereich wie bei den verkauften Exemplaren. 1993 betrug die beglaubigte Auflage 62757 Exemplare, 2003 waren es 71867; 1992 hatte die Tierwelt 142918 Rubrikeninserate, zehn Jahre später knapp 40000 mehr. Der 1890 gegründete Titel steht für eine Schweiz jenseits jeglicher Urbanität. Es ist eine überschaubare, archaische Welt, in der die Anzahl Schafe oder Traktoren, die einer besitzt, seinen Reichtum repräsentieren. Herausgegeben wird das Blatt Woche für Woche von der Schweizerischen Gesellschaft für Kleintierzucht. Deren Verbandsgeist widerspiegelt sich auch im redaktionellen Bereich. Die Ressorts heissen entsprechend «Kaninchen», «Brieftauben» oder «Vogelzucht».Während sich Gesellschaftsjournalisten darauf vorbereiten, als Taxifahrer oder Betreiber einer Wurstbude alt zu werden, berichtet das Blatt munter und erfolgreich über Themen wie «Teenagerprobleme bei Rauchschwalben» oder «Mein Pferd schwitzt so stark!». Und wenn ein Artikel die Überschrift «Luftakrobaten in Aktion» trägt, bezieht er sich nicht auf tollkühne Piloten, sondern aufs Kunstflugtauben-Treffen im luzernischen Perlen.
Solchen journalistischen Perlen zum Trotz dürfte die Tierwelt primär der Anzeigen wegen gekauft werden. Ein inzwischen nach Thailand ausgewanderter Gebrauchtwagenhändler aus dem Oberaargau hat mir einmal gestanden, dass ohne dieses Organ gar nichts gehe in seinem Business; insbesondere, was den oftmals heiklen Ankauf von Fahrzeugen angehe. Es wird also nicht nur angeboten, sondern auch gesucht: Zähne («…aber aus Gold müssen sie sein»), Maschinengewehre («Suche Uzi!») und Partner («Sandra, 41 und treu, sucht tierlieben Mann, um gemeinsam Pferde zu stehlen»). Dass Sandras Inserat zwischen dem Angebot für Kompressoren und einer Notstromanlage steht, stört offenbar niemanden. Warum auch, schliesslich ist die Welt voller Kontraste.
Gold, Waffen und Liebe – das sind die Fäden, aus denen die grossen Geschichten gewoben werden. Dicke Post also, die da wöchentlich in Tausende von Briefkästen flattert. Die Eigenwerbung bringt es auf den Punkt: «Die Tierwelt hat jede Woche einen Vogel.» Ein Heft, das man erfinden müsste, wenn es noch nicht existierte. Doch welcher kreative Kopf käme schon auf so etwas?
> Francis Müller ist freier Journalist und schreibt unter anderem für die NZZ am Sonntag und die Financial
Times Deutschland.

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