Boykottgrund Blocher?

Oliver Classen über das Schweizer Parteipresse-Revival

Oliver Classen über das Schweizer Parteipresse-RevivalBeim Kollektiv-Interview vergangenen Montag im Zürcher Kaufleuten trat Christoph Blocher erwartungsgemäss nicht darauf ein, ob er stiller Teilhaber des Jean-Frey-Verlags (JF) sei. Gestellt hatte diese Gretchenfrage für die Glaubwürdigkeit der Weltwoche tags zuvor Chefredaktor Andreas Durisch – und hat seine SonntagsZeitung damit in jene Anti-SVP-Phalanx der Tamedia eingereiht, die Facts und Tages-Anzeiger schon vor Wochen in Stellung gebracht haben.
Überhaupt spiegelt sich die politische Polarisierung der Schweiz stark in ihren Meinungsbildungsorganen. So übt sich die von der FDP-Schlappe schwer gezeichnete NZZ weiter tapfer in Blocher-Häme. Und der Chefopportunist des Ringier-Konzerns, Frank A. Meyer, hat zwar kiloweise Kreide gefressen, flirtet nun aber ebenso hemmungslos mit dem Bundesrat in spe wie er ihn vorher verdammt hat.
Trendsetter in Sachen publizistischer Parteinahme aber sind Oberweltwöchler Roger Köppel und sein Capo Filippo Leutenegger. Dass deren stramm rechtsliberaler Kurs der SVP die eine oder andere Stimme beschert hat, scheint wahrscheinlich. Sicher hingegen ist, dass die vielen impliziten und eine explizite Wahlempfehlung dem «Duo Triomphal» ökonomisch nicht geschadet hat. Im Gegenteil: Der Turnaround im Lesermarkt brachte dem JF-Flaggschiff auch im Anzeigengeschäft die antizyklische Wende.
Flagge zeigen lohnt sich also wieder – auch oder gerade in unseren
vermeintlich post-ideologischen Zeiten. Vorausgesetzt allerdings, sie trägt die richtigen, sprich: wirtschaftsfreundlichen Farben. Sonst würde es einem vielleicht heute noch so ergehen wie Anno 1979 der Tamedia, als der Autoimporteur und SVP-Nationalrat Walter Frey einen
Magazin-Artikel mit jahrelangem Anzeigenentzug quittierte. Ein linker Inserateboykott gegen die Weltwoche indes bliebe selbst dann Utopie, wenn Blocher sich als JF-Aktionär outen sollte. Und zwar nicht mal wegen zu wenig guter Gründe, sondern schlicht mangels rot-grün gesinnter Werbeauftraggeber.
> Oliver Classen, Redaktor

More articles on the topic