Hinaus in die offene See

Aufgefallen Nie waren Überlebensregeln so wertvoll wie heute. Deshalb nachfolgend ein Achtpunkteprogramm, das zeigt, wie man Journalist wird, sich dabei treu bleibt und erst noch einen Redaktionsposten ergattert.

Kolumne Nie waren Überlebensregeln so wertvoll wie heute. Deshalb nachfolgend ein Achtpunkteprogramm, das zeigt, wie man Journalist wird, sich dabei treu bleibt und erst noch einen Redaktionsposten ergattert.Was höre ich, Mbwana, Sie wollen in den Journalismus einsteigen? Willkommen im Club! Im Grunde könnte diese Kolumne hier enden. Journalismus ist in dieser Beziehung wie Sex: Man kann es nicht lernen, man fängt eines Tages einfach damit an. Dieser Weg ist günstiger und aufregender als Journalistenschulen. Dort wird zwar Wissenswertes zur Theorie diverser Genitalien gelehrt. Und es werden fleissig Liegestützen geübt. Aber Sex ist das nicht. Und Journalismus auch nicht.Journalismus ist es erst, wenn es gedruckt wird. The proof of the pudding lies in its eating. Und gedruckt werden Sie erst, wenn andere Journalisten Ihren Text drucken lassen. Die besten Ratschläge für angehende Kollegen drehen sich also um zwei Dinge: Wie macht man sich einen Namen und – mindestens ebenso wichtig – wie geht man mit anderen Journalisten um.
1. Idiotisch ist, dasselbe Zeugs wie alle anderen zu schreiben. Sprich: Sie brauchen einen eigenen Stil. Den bekommen Sie, wenn Sie hartnäckig nur über Dinge schreiben, die Sie wirklich interessieren. (So einfach ist das? So einfach ist das!)
2. Das Gefährlichste für Ihren Stil: Dass er zu früh abgeschliffen respektive angeglichen wird, schon in den Schulen oder dann in den Zeitungen selbst. Denn mit den ersten hübschen Stilblüten wird normalerweise gleich das ganze Beet umgegraben. Und Rasen angepflanzt. Das Paradox ist: Um
zu überleben, muss man als Journalist fast als ausgewachsener Könner auf den Markt kommen. Nur wie?
3. Machen Sie es wie das Krokodil, suchen Sie für die ersten Schwimmübungen kleine Tümpel auf. Schreiben Sie so viel wie möglich in kleinen Zeitungen, die so gut wie nichts zahlen. Ihr Honorar besteht neben Freiheit aus dem härtesten Test der Welt: Sobald die Ihren Text gedruckt haben, sehen Sie schon, wie er wirkt. Und ob er wirkt. Kein Test ist grausamer als die Wirklichkeit.
4. Seien Sie nie, nie arrogant. Etwa, weil es kein Geld gibt. Arbeiten Sie für unbezahlte Aufträge, als ginge es um Ihr Leben. Niemand wird Sie wegen kleinen und mittleren Texten in guten Zeitungen wahrnehmen – ein einziger brillanter Artikel in einem No-Budget-Blatt hingegen kann bereits den Durchbruch bringen. Und ein einziger kompetenter Leser aus der Branche auch. Und hoppla, sind Sie entdeckt: als Meister, nicht als Lehrling.
5. Sollten Sie jung sein, können Sie auch renommierten Blättern jedes Thema verkaufen. Und zwar mit folgendem einfachen Trick. Sie sagen: «Alle meine Kollegen interessieren sich für…» Oder, falls der Redaktor nicht versteht: «Alle Jungen interessieren sich für…». Das muss nicht der Wahrheit entsprechen (der Einzige, der sich interessieren muss, sind Sie!), aber der Redaktor wird im Spiegel seine gefärbten Haare sehen, sich schämen und Ihr Thema ins Blatt nehmen. Jugend wollen sie alle.
6. Wollen Sie jemanden aus der Branche kennen lernen, fragen Sie ihn um Rat. Der Frage um Rat kann niemand widerstehen. Niemand. Man wird sich Ihren Namen merken. Sie fördern. Sie lieben.
7. Schreiben Sie aufmunternde Fan-E-Mails, falls einem Kollegen etwas gelungen ist. Jemanden, der einen lobt, hält jeder sofort für kompetent. (Achtung: Lügen Sie nicht – denn Schleimer leben auf glitschigem Grund. Und inflationäres Lob hat so viel Wert wie inflationäres Geld.)
8. Wenn Sie sich bei einer Redaktion bewerben, sagen Sie nie: «Ich will vor allem schreiben.»
Sagen Sie: «Mich fasziniert vor allem das Redigieren, Zeitungsmachen, der Kontakt zu guten, jungen Autoren…» Die Kollegen werden begeistert sein, einen begabten, willigen Sklaven einzustellen. Schreiben können Sie dann ab dem ersten Tag.So weit, Mbwana, die ausführliche Version des «Willkommen im Club!». Sollten Sie es bald auf einen Redaktionssessel schaffen, beginnt der nächste Abschnitt: das Spiel um die Macht. Doch davon das nächste Mal
Für erste Schreibübungen empfiehlt der Kolumnist kleine Tümpel.
.> Constantin Seibt ist Politik- und Wirtschaftsredaktor der WochenZeitung WoZ – und war schon im letzten Jahrhundert Journalist.

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