Artenschutz für Dinosaurier
Aufgefallen Stirbt die überregionale Tagespresse aus, geht auch ein Stück geistiges Europa zu Grunde.
Kolumne Stirbt die überregionale Tagespresse aus, geht auch ein Stück geistiges Europa zu Grunde. Während Jahrzehnten haben sich Verleger von Printmedien mit dem rieplschen Gesetz getröstet. Wolfgang Riepl war Chefredaktor der grössten Nürnberger Zeitung. 1913 veröffentlichte er eine geniale Dissertation über «Das Nachrichtenwesen des Altertums», mit der er die Kommunikationswissenschaft vom Kopf auf die Füsse stellte. Und zwar im Prinzip durch einen einzigen, freilich ellenlangen Satz: «Es ergibt sich gewissermassen als ein Grundgesetz der Entwicklung des Nachrichtenwesens, dass die einfachsten Mittel, Formen und Methoden, wenn sie nur einmal eingebürgert und als brauchbar befunden worden sind, auch von den vollkommensten und höchstentwickelten niemals wieder gänzlich und dauernd verdrängt und ausser Gebrauch gesetzt werden können, sondern sich neben diesen erhalten, nur dass die genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen.»Die Kurzversion des rieplschen Gesetzes lautet also: Kein neues, avancierteres Medium substituiert ein altes. Diese epochale Einsicht hatte viele Jahrzehnte lang Gültigkeit. Marktanteile verschoben sich zwar, aber im Grossen und Ganzen verdrängte weder das Radio die Zeitung noch das Fernsehen den Film oder der Videorecorder das Kino. «Im Grossen und Ganzen» wird das wohl auch für das Internet gelten. Was aber wird angesichts der momentanen Zeitungskrise aus der meinungsbildenden überregionalen Presse?
Die FAZ-Gruppe machte 2002 einen Verlust von 60 Millionen Euro, der Süddeutsche Verlag setzte 76 Millionen Euro in den Sand, die Gruppe der Neuen Zürcher Zeitung 50 Millionen Franken. Die Frankfurter Allgemeine musste ihr Feuilleton praktisch halbieren. Die Journalisten der Süddeutschen fürchten, dass die neuen Stuttgarter Besitzer das Blatt zu einer guten Regionalzeitung herunterstufen; und die NZZ hat vermutlich auch längst nicht ausgespart. Dennoch: Das Geschäftsmodell der überregionalen Tageszeitung steht noch nicht zur Disposition. Die Engpässe sind auch eine Chance zu Verdichtung und Verwesentlichung, zur stärkeren Berücksichtigung der Leserwünsche. Wenn diese ihr Leibblatt im Schnitt nur mehr eine halbe Stunde zur Hand nehmen, ist es selbstherrlich und weltfremd, ihnen drei Stunden Lesestoff zu servieren. Die Tageszeitungen werden sich also stärker auf ihre aktuelle, reflexive Kernkompetenz konzentrieren müssen.
Man kann nur hoffen, dass es gelingt, das Steuer herumzureissen und die Flaggschiffe der Grossverlage inhaltlich dennoch auf Kurs zu halten. Denn die internationale Diskursfähigkeit eines Landes hängt massgeblich von seinen Medien ab. Die «globale Klasse», wie Ralf Dahrendorf den intellektuellen und ökonomischen Jetset nennt, mag sich mit der Sonntagsausgabe des Observer, dem New Yorker oder der International
Herold Tribune behelfen. Die Träume von einer geistigen Selbstbehauptung Europas aber wären rasch ausgeträumt, wenn man sich auf solche Substitute verliesse. Eine Gesellschaft, welche die Kommunikationsinstrumente ihrer Eliten zerstört, dankt über kurz oder lang ab.
Schlimm genug, dass der europäische Dialog zwischen Po-
litik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft mühsam und zähflüssig ist (Kulturschaffende sind häufig esoterisch, die Classe politique hingegen allzu theorielos). Doch immerhin: Bei der französischen Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, beim deutschen Historikerstreit sowie bei der hiesigen Blocher-Debatte waren und sind die Qualitätszeitungen zentrale Relaisstationen. Das endgültige Scheitern ihres Geschäftsmodells würde nicht nur ein paar mittelständische Unternehmen zu Grunde richten. Es würde die Fähigkeit unserer europäischen Gesellschaft(en) zur Selbstverständigung und ernsthaften Kontroverse gefährden.
> Peter Glotz ist Professor für Medienmanagement an der Universität St.Gallen sowie neuerdings Dozent an der Ringier-Journalistenschule und SonntagsBlick-Kolumnist.
Die FAZ-Gruppe machte 2002 einen Verlust von 60 Millionen Euro, der Süddeutsche Verlag setzte 76 Millionen Euro in den Sand, die Gruppe der Neuen Zürcher Zeitung 50 Millionen Franken. Die Frankfurter Allgemeine musste ihr Feuilleton praktisch halbieren. Die Journalisten der Süddeutschen fürchten, dass die neuen Stuttgarter Besitzer das Blatt zu einer guten Regionalzeitung herunterstufen; und die NZZ hat vermutlich auch längst nicht ausgespart. Dennoch: Das Geschäftsmodell der überregionalen Tageszeitung steht noch nicht zur Disposition. Die Engpässe sind auch eine Chance zu Verdichtung und Verwesentlichung, zur stärkeren Berücksichtigung der Leserwünsche. Wenn diese ihr Leibblatt im Schnitt nur mehr eine halbe Stunde zur Hand nehmen, ist es selbstherrlich und weltfremd, ihnen drei Stunden Lesestoff zu servieren. Die Tageszeitungen werden sich also stärker auf ihre aktuelle, reflexive Kernkompetenz konzentrieren müssen.
Man kann nur hoffen, dass es gelingt, das Steuer herumzureissen und die Flaggschiffe der Grossverlage inhaltlich dennoch auf Kurs zu halten. Denn die internationale Diskursfähigkeit eines Landes hängt massgeblich von seinen Medien ab. Die «globale Klasse», wie Ralf Dahrendorf den intellektuellen und ökonomischen Jetset nennt, mag sich mit der Sonntagsausgabe des Observer, dem New Yorker oder der International
Herold Tribune behelfen. Die Träume von einer geistigen Selbstbehauptung Europas aber wären rasch ausgeträumt, wenn man sich auf solche Substitute verliesse. Eine Gesellschaft, welche die Kommunikationsinstrumente ihrer Eliten zerstört, dankt über kurz oder lang ab.
Schlimm genug, dass der europäische Dialog zwischen Po-
litik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft mühsam und zähflüssig ist (Kulturschaffende sind häufig esoterisch, die Classe politique hingegen allzu theorielos). Doch immerhin: Bei der französischen Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, beim deutschen Historikerstreit sowie bei der hiesigen Blocher-Debatte waren und sind die Qualitätszeitungen zentrale Relaisstationen. Das endgültige Scheitern ihres Geschäftsmodells würde nicht nur ein paar mittelständische Unternehmen zu Grunde richten. Es würde die Fähigkeit unserer europäischen Gesellschaft(en) zur Selbstverständigung und ernsthaften Kontroverse gefährden.
> Peter Glotz ist Professor für Medienmanagement an der Universität St.Gallen sowie neuerdings Dozent an der Ringier-Journalistenschule und SonntagsBlick-Kolumnist.
