Nachbessern gilt nicht

Kommentar Bei Zeitungsinterviews mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien muss wieder das gesprochene Wort gelten, fordert Oliver Classen.

Kommentar Bei Zeitungsinterviews mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien muss wieder das gesprochene Wort gelten, fordert Oliver Classen.Taz sei Dank! Wieder einmal hat die Berliner Tageszeitung souverän und zugleich süffisant auf einen eklatanten journalistischen Missstand aufmerksam gemacht: Ende November zierte ein zur Kenntlichkeit entstelltes Interview mit Olaf Scholz die Titelseite des linken Zentralorgans. Dabei erschienen die Antworten des SPD-Generalsekretärs samt und sonders geschwärzt. Der Grund: Sein Büro hatte die Originalstatements nicht nur geglättet, verwässert und somit komplett sinnentstellt, sondern der unabhängigsten deutschen Zeitung zudem mit Ausschluss von künftigen Hintergrundgesprächen gedroht.Tags darauf solidarisierten sich von der Financial Times Deutschland bis zur Welt fast alle überregionalen Blätter mit dieser ebenso mutigen wie überfälligen Protestaktion. Kein Wunder, schliesslich leidet heute jede Zeitung unter der Unsitte, dass im Zuge der so genannten «Autorisierung» mündliche Aussagen nachträglich geschönt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Dieses spezifisch deutschsprachige Ritual – Autoritätsglaube ist bekanntlich eine Mentalitätsfrage – bedeutet nicht nur einen publizistischen Wettbewerbsnachteil gegenüber den elektronischen Live-Medien; es untergräbt auch die Autonomie und Glaubwürdigkeit der so zu PR-Postillen degradierten vierten Macht im Lande.
Der löbliche Protest von Journalisten und Verlegern hat indes eine dunkle, brancheninterne Kehrseite, wie die Kollegen vom Kress Report kürzlich anmerkten. Auch die Werbewoche weiss aus leidvoller Erfahrung, dass ausgerechnet Medienmanager und Chefredaktoren wahre Virtuosen in dieser (Selbst)- Verstümmelungstechnik sind. Und durch die Börsenkotierung von Verlagen, aber auch Agenturen wird der unselige Trend zu Nullaussage und warmer Wortluft noch zusätzlich akzentuiert. Insofern sind Familiengesellschaften und kantige Verlegerpersönlichkeiten ein journalistischer Segen.
Bei Interviews mit der notorisch diplomatischen Schweizer Polit- und Wirtschaftselite zeitigt besagte Entwicklung besonders drastische Folgen, speziell für Medienjournalisten. Deshalb hier der fromme Weihnachtswunsch eines Betroffenen: Liebe Leute, wenn ihr schon im Glashaus sitzt und (zu Recht) mit Steinen werft, dann geht doch bitteschön gleich mit gutem Beispiel voran. Auch hier zu Lande. Namen wollen wir diesmal keine nennen – dafür aber umso kräftiger an die Standesehre appellieren, in Zukunft wieder vermehrt das gesprochene Wort gelten zu lassen.
> Oliver Classen, Redaktor

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