Im Casting-Container

Gastkommentar Der Boom des Formatfernsehens ist ungebrochen. Er reflektiert weltweit die bizarre Ökonomisierung des Mediensystems, meint Gabriele Siegert.

Gastkommentar Der Boom des Formatfernsehens ist ungebrochen. Er reflektiert weltweit die bizarre Ökonomisierung des Mediensystems, meint Gabriele Siegert.
Wer wird am Samstag Schweizer «MusicStar»? Ist beim amerikanischen «Bachelor» alles Schwindel? Und bedeutet es den Untergang des Abendlandes, wenn sich deutsche Pseudopromis im Dschungel(nah)kampf üben? Die genannten Formate schaffen in der jungen «Big Brother»-Tradition etwas, was immer schwieriger wird: Sie generieren Aufmerksamkeit und beherrschen das öffentliche Gespräch. Was also haben TV-Formate, was andere Sendungen nicht haben?Formate sind serielle Produktionen, die eine gemeinsame Struktur haben, welche in jeder Folge neu gefüllt wird. Sie bestehen also aus einer Kombination von Bekanntem und Neuem, was den Zuschauern gefällt. Ebenso wie die Protagonisten, die Menschen wie «du und ich» sind oder zumindest zu Alltagsvergleichen taugen. Sie inszenieren Authentizität. Formate sind also Ausdrucksformen der Populärkultur und feiern entsprechende Publikumserfolge.
Formate definieren sich auch über Ablaufmodi, Zielgruppenbezüge, Logos, Musik und Studiodesign. Sie berücksichtigen und nutzen also aktuelle TV-Marktbedingungen. Ihre Kennzeichnung als Marke ermöglicht einen minimalen Rechtsschutz. Dieser ist eine Voraussetzung für die internationale Vermarktung. Die oft mit Medienkonzernen verflochtenen Formatproduzenten vermarkten diese inklusive ihres Erfahrungswissens, um über nationale Adaptionen Identifikationsmöglichkeiten in anderen Ländern zu schaffen. So entstand ein neuer Zweig der Medienbranche, der Formathandel.
TV-Veranstalter rund um den Globus erwerben also Formatlizenzen samt Marktwissen oder hängen sich mit Imitationen an den Trend an. Und auch wenn die Plagiate selten den Erfolg der Originalformate erzielen, so reicht die Quote gelegentlich doch, um eine Zeit lang bestehen zu können. Zudem bieten Formate reichlich Gelegenheit, der Werbewirtschaft neuartige Kooperationsformen anzubieten respektive mittels Televoting, SMS-Service und Internet zusätzliche Einnahmen zu generieren.
Und die anderen Medien? Sie üben sich eifrig in Anschlusspublizistik. So können sie bei ihrem Publikum punkten, das sich – je nach Zielgruppe – ein ansehnliches Wissen um Spielregeln, Kandidaten und Abläufe (sprich: Konsumkapital) «erarbeitet» hat und dieses nun einbringen und erweitern will.
Fazit: TV-Formate sind eben nicht shakespearesches «Much Ado about Nothing». Sie sind vielmehr die prototypische Form des Fernsehens unter den Bedingungen eines zwar regulierten, durch ökonomische Imperative aber höchst eigenwillig beeinflussten Marktes. Wer sich jenseits aller elitären Allüren über Karaoke, Kakerlaken und Co. wundert, kommt daher nicht umhin, über die Strukturen des Mediensystems insgesamt nachzudenken.
> Gabriele Siegert ist Professorin für Medienökonomie am Institut für
Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich.

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