Generationenwechsel im Print
Aufgefallen Die öffentliche Aufmerksamkeit wandert von der grossen Politik zusehends in Richtung Alltagsleben und Lifestyle – zumal bei den Jungen. Leidtragende dieser Entwicklung sind in erster Linie die klassischen meinungsbildenden Tageszeitungen.
Kolumne Die öffentliche Aufmerksamkeit wandert von der grossen Politik zusehends in Richtung Alltagsleben und Lifestyle – zumal bei den Jungen. Leidtragende dieser Entwicklung sind in erster Linie die klassischen meinungsbildenden Tageszeitungen.Über die Zukunft der Printmedien darf wieder einmal mächtig gegrübelt werden: Auf dem European Newspaper Congress in Wien versammelten sich jüngst Zeitungsverleger und Journalisten und schauten gemeinsam ins Leere. Es fehlen nicht bloss die Anzeigen, sondern auch die neuen Leser. Die Jungen haben keine Lust mehr aufs Tagesblatt. Neuere Studien belegen, dass sich in den letzten zehn Jahren unter den 14- bis 19-Jährigen die Zahl der Zeitungsleser glatt halbiert hat, derweil die Internetnutzung stetig zunimmt. In einer Erhebung der Universität Dortmund fanden die Forscher als Hauptgrund schlichtes Desinteresse an dem, was in der Zeitung steht.Diese Lesemüdigkeit steht in grellem Kontrast zu neuer Leselust in einem anderen Marktsegment. Seit ein paar Monaten erscheinen vor allem in Berlin neue und überwiegend anspruchsvolle Presseerzeugnisse, deren Abnehmer auch aus jüngeren Jahrgängen stammen. Es handelt sich dabei um dicke, opulent illustrierte Magazine, die Dummy und Cicero, U-Spot, Qvest, Deutsch, Alert oder Monopol heissen und von Kultur, Mode, Kunst, Politik und Gesellschaft handeln.
Vom gern bejammerten Trend zu kurzen und kürzesten Texten ist darin nichts zu sehen. Manche bieten vielmehr Reportagen über acht, zehn und mehr Seiten an. Dabei sind die Auflagen respektabel und reichen bis 60000 Exemplare. Und in den Grossverlagen erwägt man weitere Zeitschriftenprojekte – oder aber die Option, bei den fast ausschliesslich von unabhängigen Kleinverlegern gegründeten Magazinen einzusteigen.
Von einer Substitution gedruckter Medien kann also keine Rede sein. Klar aber ist, dass ein bestimmtes und besonders renommiertes Printsegment in einer strukturellen Krise steckt. Diese betrifft neben dem Erlösmodell auch das inhaltliche Angebot. Warum lesen junge Leute die Politreportagen
in – zum Beispiel – Dummy, haben aber keine Lust auf die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ?
Blättert man durch die neuen Magazine, sieht man den Grund: Ausser in Ringiers Cicero findet nirgends institutionelle Politik und Wirtschaft statt. Die Schaukämpfe und Rituale der Regierungen, Parteien und Lobbyisten haben hier keinerlei Echoräume. Machern und Käufern dieser Blätter sind die Inszenierungen auf dieser Bühne völlig gleichgültig.
Lesenswertes Leben findet offenbar anderswo statt: In den Ateliers, Büros und Werkstätten kreativer Zeitgenossen, in den verschiedenen Zonen der Gesellschaft, in denen einerseits Aussenseiter, andererseits Aufsteiger ihre Schicksale und Lebensentwürfe erproben. Es gibt einen Hunger nach der Wirklichkeit in der Nachbarschaft und draussen in der Welt, wo gearbeitet, geliebt und gestorben wird. Das sollte man nicht gleich als unpolitisch denunzieren. Schliesslich geht es um Haltungen und um Moral, um gesellschaftliche Verhältnisse und um die Möglichkeiten zu jenem Pursuit of Happiness, von dem die amerikanischen Gründerväter sprachen. Spannende Geschichten darüber, so jedenfalls scheint es, beginnen indes erst dort, wo die grosse Politik aufhört.
Kein Wunder, dass die Tageszeitungen als Medien, welche sich traditionellerweise ganz der Chronik des politisch-ökonomischen Staatstheaters verschrieben haben, unter dieser Verschiebung des Interesses am stärksten leiden.
Da nicht anzunehmen ist, dass sich der Betrieb auf der republikanischen Hauptbühne grundsätzlich ändern und damit wieder vermehrt an Attraktion gewinnen könnte, muss man sich wohl auf einen weiteren Funktionsverlust vor allem der klassischen meinungsbildenden Tagespresse einrichten. Sie werden damit noch mehr als heute schon zu Nischenblättern für die Kommunikation der Funktionseliten werden, während sich die Gesellschaft um andere Lagerfeuer versammelt.
> Heribert Seifert ist
Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ in Deutschland.
Vom gern bejammerten Trend zu kurzen und kürzesten Texten ist darin nichts zu sehen. Manche bieten vielmehr Reportagen über acht, zehn und mehr Seiten an. Dabei sind die Auflagen respektabel und reichen bis 60000 Exemplare. Und in den Grossverlagen erwägt man weitere Zeitschriftenprojekte – oder aber die Option, bei den fast ausschliesslich von unabhängigen Kleinverlegern gegründeten Magazinen einzusteigen.
Von einer Substitution gedruckter Medien kann also keine Rede sein. Klar aber ist, dass ein bestimmtes und besonders renommiertes Printsegment in einer strukturellen Krise steckt. Diese betrifft neben dem Erlösmodell auch das inhaltliche Angebot. Warum lesen junge Leute die Politreportagen
in – zum Beispiel – Dummy, haben aber keine Lust auf die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ?
Blättert man durch die neuen Magazine, sieht man den Grund: Ausser in Ringiers Cicero findet nirgends institutionelle Politik und Wirtschaft statt. Die Schaukämpfe und Rituale der Regierungen, Parteien und Lobbyisten haben hier keinerlei Echoräume. Machern und Käufern dieser Blätter sind die Inszenierungen auf dieser Bühne völlig gleichgültig.
Lesenswertes Leben findet offenbar anderswo statt: In den Ateliers, Büros und Werkstätten kreativer Zeitgenossen, in den verschiedenen Zonen der Gesellschaft, in denen einerseits Aussenseiter, andererseits Aufsteiger ihre Schicksale und Lebensentwürfe erproben. Es gibt einen Hunger nach der Wirklichkeit in der Nachbarschaft und draussen in der Welt, wo gearbeitet, geliebt und gestorben wird. Das sollte man nicht gleich als unpolitisch denunzieren. Schliesslich geht es um Haltungen und um Moral, um gesellschaftliche Verhältnisse und um die Möglichkeiten zu jenem Pursuit of Happiness, von dem die amerikanischen Gründerväter sprachen. Spannende Geschichten darüber, so jedenfalls scheint es, beginnen indes erst dort, wo die grosse Politik aufhört.
Kein Wunder, dass die Tageszeitungen als Medien, welche sich traditionellerweise ganz der Chronik des politisch-ökonomischen Staatstheaters verschrieben haben, unter dieser Verschiebung des Interesses am stärksten leiden.
Da nicht anzunehmen ist, dass sich der Betrieb auf der republikanischen Hauptbühne grundsätzlich ändern und damit wieder vermehrt an Attraktion gewinnen könnte, muss man sich wohl auf einen weiteren Funktionsverlust vor allem der klassischen meinungsbildenden Tagespresse einrichten. Sie werden damit noch mehr als heute schon zu Nischenblättern für die Kommunikation der Funktionseliten werden, während sich die Gesellschaft um andere Lagerfeuer versammelt.
> Heribert Seifert ist
Medien- und Kulturkorrespondent der NZZ in Deutschland.
