Die Kunst des Weglassens
Aufgefallen Einst signalisierten Qualitätszeitungen mit Bleiwüsten ihren Anspruch. Mittlerweile setzen auch sie auf Weissraum und versprechen ihrem Publikum damit Entlastung vom Lesezwang.
Kolumne Einst signalisierten Qualitätszeitungen mit Bleiwüsten ihren Anspruch. Mittlerweile setzen auch sie auf Weissraum und versprechen ihrem Publikum damit Entlastung vom Lesezwang.Wenn eine Zeitung sich heute optisch renoviert, dann steht ein Ergebnis fast immer fest: Das neue Layout empfängt den Leser mit mehr «Weissraum», mit mehr leerer Fläche also, auf der sich kein Text, nicht mal ein Bild und/oder eine Info-Grafik findet. Selbst Traditionstitel, bei denen die Bleiwüste lange als Garant strenger Nachdenklichkeit galt, können sich diesem Trend nicht entziehen. So verwandelte sich die Hamburger Zeit in ein ausgesprochen luftiges Gebilde, in dem auf einmal so viel Platz neben den Textsäulen war, dass kritische Leser dort bequem ihre Randglossen notieren könnten. Die Welt, die Berliner Tageszeitung aus dem Springer Verlag, lässt an manchen Tagen auf ihrer Seite 3 so viel Platz fürs Nichts, wie in anderen Blättern für den Leitartikel vorgesehen ist. Jetzt hat auch der gleichfalls in der deutschen Hauptstadt gedruckte Tagesspiegel nachgezogen und lockt mit sehr überschaubaren Textwölkchen auf seinen grossformatigen Seiten. Es gibt Ausgaben, da nimmt ein solches Zeitungsblatt nur noch einen mittelgrossen Bericht auf, dem in der Randspalte eine Reihe von Kurznachrichten beigegeben ist. Die gesamte Auslandsberichterstattung dieser Metropolenzeitung schnurrt dann auf zwei bis drei Texte zusammen, die mehr bieten als blosse Protokollnotizen.
Modernes Layout für Qualitätszeitungen besteht also vor allem in der Kunst des Weglassens. Es kalkuliert mit einem Leser, der offenbar vor allem schon beim ersten Blick wissen will, ob ihm die Zeitung Entlastung vom Lesezwang verspricht. Was früher bei den «Broadsheets» gerade Ausweis ihres Anspruchs war, die schier enzyklopädische Textmasse, wird jetzt entschlossen abgeräumt. Das alte Versprechen, den Leser möglichst umfassend und unter Ausleuchtung der Hintergründe zu unterrichten, hat seine Suggestion verloren. Gefragt ist heute ein überzeugendes Signal für Übersicht.
Die aber entsteht vor allem durch Selektion und Weglassen. Auswahl statt Fülle gilt als probates Mittel, Aufmerksamkeit, eine der knappsten Ressourcen auf dem Medienmarkt, zu gewinnen. Nur so ist die beruhigende Botschaft zu haben: Hier gibt es die wirklich wichtigen Informationen, für die es lohnt, die knappe Lesezeit aufzuwenden.
So wie die Nouvelle cuisine ihre Teller eher mit Zitaten der Speisen als mit wirklichen Mahlzeiten füllte, schiebt sich im modernen Layout mancher Qualitätszeitungen die ästhetische Inszenierung von Bedeutung vor die gründliche Information. In Zeiten der Krise ist ein solches Layout-Konzept auch für Verleger durchaus angenehm, spart es doch Platz und Kosten für die redaktionellen Angebote, die jetzt nicht mehr gedruckt werden.
Langfristig kann das allerdings höchst unerwünschte Folgen haben. Wenn optisch so eindeutig der Text abgewertet wird, verliert er auf die Dauer an Attraktion. Man kann das schon bei Lesern beobachten, die sich vorzugsweise aus Magazinen vom Typ Focus unterrichten. Aus Lesen wird hier Blättern, das angebliche Nachrichtenmagazin wird behandelt wie ein Coffee-Table-Journal, das man als Nebenbei-Medium nutzt. Wer dem Leser durch optische Tricks vorgaukelt, er könne sich lesend ohne jede Anstrengung über den Lauf der Welt informieren, wird ihn enttäuschen müssen. Auch wenn es den Qualitätszeitungen schlecht geht und ihre Zukunft ungewiss sein mag, so sollten sie doch nicht aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen und das aufgeben, was ihre unverzichtbare Stärke ausmacht.
Heribert Seifert sieht hinter luftigen Layouts vor allem Spargründe.
Modernes Layout für Qualitätszeitungen besteht also vor allem in der Kunst des Weglassens. Es kalkuliert mit einem Leser, der offenbar vor allem schon beim ersten Blick wissen will, ob ihm die Zeitung Entlastung vom Lesezwang verspricht. Was früher bei den «Broadsheets» gerade Ausweis ihres Anspruchs war, die schier enzyklopädische Textmasse, wird jetzt entschlossen abgeräumt. Das alte Versprechen, den Leser möglichst umfassend und unter Ausleuchtung der Hintergründe zu unterrichten, hat seine Suggestion verloren. Gefragt ist heute ein überzeugendes Signal für Übersicht.
Die aber entsteht vor allem durch Selektion und Weglassen. Auswahl statt Fülle gilt als probates Mittel, Aufmerksamkeit, eine der knappsten Ressourcen auf dem Medienmarkt, zu gewinnen. Nur so ist die beruhigende Botschaft zu haben: Hier gibt es die wirklich wichtigen Informationen, für die es lohnt, die knappe Lesezeit aufzuwenden.
So wie die Nouvelle cuisine ihre Teller eher mit Zitaten der Speisen als mit wirklichen Mahlzeiten füllte, schiebt sich im modernen Layout mancher Qualitätszeitungen die ästhetische Inszenierung von Bedeutung vor die gründliche Information. In Zeiten der Krise ist ein solches Layout-Konzept auch für Verleger durchaus angenehm, spart es doch Platz und Kosten für die redaktionellen Angebote, die jetzt nicht mehr gedruckt werden.
Langfristig kann das allerdings höchst unerwünschte Folgen haben. Wenn optisch so eindeutig der Text abgewertet wird, verliert er auf die Dauer an Attraktion. Man kann das schon bei Lesern beobachten, die sich vorzugsweise aus Magazinen vom Typ Focus unterrichten. Aus Lesen wird hier Blättern, das angebliche Nachrichtenmagazin wird behandelt wie ein Coffee-Table-Journal, das man als Nebenbei-Medium nutzt. Wer dem Leser durch optische Tricks vorgaukelt, er könne sich lesend ohne jede Anstrengung über den Lauf der Welt informieren, wird ihn enttäuschen müssen. Auch wenn es den Qualitätszeitungen schlecht geht und ihre Zukunft ungewiss sein mag, so sollten sie doch nicht aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen und das aufgeben, was ihre unverzichtbare Stärke ausmacht.
Heribert Seifert sieht hinter luftigen Layouts vor allem Spargründe.
> Heribert Seifert ist Medien- und Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Deutschland.
