Der 100-Mio.-Dollar-Tresor
Aufgefallen Die Gedanken sind frei, ihre Reproduzenten ebenfalls. Das gilt besonders dann, wenn das Original Michael Moore heisst und journalistische Innovationen à discretion liefert.
Kolumne Die Gedanken sind frei, ihre Reproduzenten ebenfalls. Das gilt besonders dann, wenn das Original Michael Moore heisst und journalistische Innovationen à discretion liefert.Es ist ziemlich unhöflich, Mbwana, durch die Räume freundlicher Gastgeber zu gehen und zu fragen: Bei wem haben Sie das alles gestohlen? (Je interessanter die Antwort, desto sicherer werden Sie übrigens nicht mehr eingeladen.) Gehen wir durch immaterielle Räume der Ideen, ist die gleiche Frage ein Kompliment: Bei wem haben Sie das entwendet?Seit jeher war Kultur eine Kette von Diebstählen – die einfachste Definition eines Klassikers ist, dass er von sehr vielen Leuten beklaut wurde. Gute Ideen bleiben gute Ideen, auch wenn es anfangs nicht die eigenen sind. Ein Könner, laut Bert Brecht, ist jemand, der Gelungenes nicht noch einmal macht. Das blieb bei Brecht keine Theorie: Mehrere Dutzend der frechsten Verse seiner Dreigroschenoper stammen von Kipling und Villon.
Ängstliche Geister nennen Diebstahl nicht beim Namen: Sie benützen lieber Worte wie Inspiration oder Import-Export. Exportland Nummer eins für Erfolg versprechende Ideen ist zweifellos Amerika. Ob beim Banking, in der Musik oder im Journalismus: Ohne den amerikanischen Chewing-Gum hätten die deutsch(Schweizer) Gehirne einen strengen arischen Mundgeruch.
Heissester Kandidat für aktuelle Diebstähle ist ein neureicher Dollar-Millionär: Michael Moore. Immerhin knackte sein Schlager «Fahrenheit 9/11» als erster Dokumentarfilm die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze. Aus ihm und Moores sonstigem Werk lässt sich für den Schweizer Markt einiges importieren:1. Erstaunlich viel Publikum interessiert sich für Information, für Politik und Polemik – sofern sie zu unterhalten vermögen.
2. Was Moore liefert, ist das Big Picture: Grosse Politik und kleine Leute zugleich. Er liefert das, was die Medien nicht liefern – einen Überblick im Chaos der Einzelmeldungen, -meinungen und Lokalberichte. Mit simplen Schnitten von Washingtoner Strategen zu desorientierten Soldaten im Irak, von General-Motors-Managern zu Betreibungsbeamten in Detroit schafft er die Antwort zu der in Medien oft vernachlässigten Frage: Was, zum Henker, geht uns das Hickhack der Politik, was der Jargon der Wirtschaft an?
3. Für Kopisten interessant ist, dass Moore mit grosser Komplexität unterhält. Er springt im Höllentempo zwischen derart verschiedenen Genres wie Kommentar, Trickfilm, Reportage, Satire, Expertenmeinung, Selbstinszenierung und menschlichem Drama hin und her. Der Mix von offizieller Politik und Lokalreport, Ernst und Humor, Fakten und Fiktion wird vom Blockbuster-Publikum offensichtlich geschätzt und verstanden. Das Fazit für uns: Viele Schweizer Medienprodukte sind zu sauber und zu wenig mutig. Sie ziehen Argumentation und Tonfall von Anfang bis Ende durch. (Achten Sie mal drauf, Mbwana, wie selten in Reportagen die Perspektive gewechselt wird! Kaum je ein Schwenk zwischen Mikroskop und Blick vom Mars und zurück. Gerade Qualitätsjournalismus liebt die sichere, saubere Halbdistanz des Schreibtischs: kein rohes Fleisch, nie das kalte Auge Gottes, stattdessen Valium mit Niveau.)
4. Praktischerweise kam soeben ein How-to-Buch von Moore auf den Markt: «Hurra America!». Der Titel entspricht leider Moores Schreibstil: Schriftlich sind seine Gags so plump wie ein politischer Peach Weber. Umso sensationeller der Stoff: Pfannenfertige Ideen, wie man selbst inszenierte Reportagen machen kann. So erkaufte sich Moores Sendung «TV Nation» bei einem Kongresslobbyisten für 5000 Dollar einen eigenen, Amerika-weiten Feiertag, fragte bei neoliberalen Republikanern nach, ob sie die persönlich erhaltenen Subventionen zurückzahlen würden, liess einen Ex-KGB-Spion ermitteln, ob Nixon wirklich tot sei.
Einiges in diesem Buch, Mbwana, ist höchst brauch-, also klaubar. Was genau? Nun, da ich vorhabe, mich bald selbst zu bedienen, lasse ich genauere Angaben lieber dort, wo wir Diebe uns wohl fühlen: im Grau der Nacht.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ) und ab September zudem Kolumnist der Weltwoche.
Ängstliche Geister nennen Diebstahl nicht beim Namen: Sie benützen lieber Worte wie Inspiration oder Import-Export. Exportland Nummer eins für Erfolg versprechende Ideen ist zweifellos Amerika. Ob beim Banking, in der Musik oder im Journalismus: Ohne den amerikanischen Chewing-Gum hätten die deutsch(Schweizer) Gehirne einen strengen arischen Mundgeruch.
Heissester Kandidat für aktuelle Diebstähle ist ein neureicher Dollar-Millionär: Michael Moore. Immerhin knackte sein Schlager «Fahrenheit 9/11» als erster Dokumentarfilm die magische 100-Millionen-Dollar-Grenze. Aus ihm und Moores sonstigem Werk lässt sich für den Schweizer Markt einiges importieren:1. Erstaunlich viel Publikum interessiert sich für Information, für Politik und Polemik – sofern sie zu unterhalten vermögen.
2. Was Moore liefert, ist das Big Picture: Grosse Politik und kleine Leute zugleich. Er liefert das, was die Medien nicht liefern – einen Überblick im Chaos der Einzelmeldungen, -meinungen und Lokalberichte. Mit simplen Schnitten von Washingtoner Strategen zu desorientierten Soldaten im Irak, von General-Motors-Managern zu Betreibungsbeamten in Detroit schafft er die Antwort zu der in Medien oft vernachlässigten Frage: Was, zum Henker, geht uns das Hickhack der Politik, was der Jargon der Wirtschaft an?
3. Für Kopisten interessant ist, dass Moore mit grosser Komplexität unterhält. Er springt im Höllentempo zwischen derart verschiedenen Genres wie Kommentar, Trickfilm, Reportage, Satire, Expertenmeinung, Selbstinszenierung und menschlichem Drama hin und her. Der Mix von offizieller Politik und Lokalreport, Ernst und Humor, Fakten und Fiktion wird vom Blockbuster-Publikum offensichtlich geschätzt und verstanden. Das Fazit für uns: Viele Schweizer Medienprodukte sind zu sauber und zu wenig mutig. Sie ziehen Argumentation und Tonfall von Anfang bis Ende durch. (Achten Sie mal drauf, Mbwana, wie selten in Reportagen die Perspektive gewechselt wird! Kaum je ein Schwenk zwischen Mikroskop und Blick vom Mars und zurück. Gerade Qualitätsjournalismus liebt die sichere, saubere Halbdistanz des Schreibtischs: kein rohes Fleisch, nie das kalte Auge Gottes, stattdessen Valium mit Niveau.)
4. Praktischerweise kam soeben ein How-to-Buch von Moore auf den Markt: «Hurra America!». Der Titel entspricht leider Moores Schreibstil: Schriftlich sind seine Gags so plump wie ein politischer Peach Weber. Umso sensationeller der Stoff: Pfannenfertige Ideen, wie man selbst inszenierte Reportagen machen kann. So erkaufte sich Moores Sendung «TV Nation» bei einem Kongresslobbyisten für 5000 Dollar einen eigenen, Amerika-weiten Feiertag, fragte bei neoliberalen Republikanern nach, ob sie die persönlich erhaltenen Subventionen zurückzahlen würden, liess einen Ex-KGB-Spion ermitteln, ob Nixon wirklich tot sei.
Einiges in diesem Buch, Mbwana, ist höchst brauch-, also klaubar. Was genau? Nun, da ich vorhabe, mich bald selbst zu bedienen, lasse ich genauere Angaben lieber dort, wo wir Diebe uns wohl fühlen: im Grau der Nacht.
> Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der Wochenzeitung (WOZ) und ab September zudem Kolumnist der Weltwoche.
