Ein Effie für Blocher

Aufgefallen Der (medial) bestgehasste Politiker der Schweiz ist zugleich deren wirkungsmächtigster Kommunikator. Selbst wenn er schweigt, wie etwa zur Einbürgerungsabstimmung.

Kolumne Der (medial) bestgehasste Politiker der Schweiz ist zugleich deren wirkungsmächtigster Kommunikator. Selbst wenn er schweigt, wie etwa zur Einbürgerungsabstimmung.Für einen, der es eigentlich niemandem wirklich recht machen kann, ist es eine reife Leistung, der beste Kommunikator des Landes zu werden.Die Rede ist von Christoph Blocher. Nach wie vor versteht es niemand besser, authentisch und mit unerreichter Wirkkraft über die Rampe zu bringen, was ihm wichtig ist. Dabei mag ihn in der etablierten Medienwelt fast niemand; einige verfolgen ihn gar mit jakobinischem Hass. Es ist schon beeindruckend, wie der Mann, der im Ruf der Unberatbarkeit steht, aus diesen Reibungswiderständen Energie zieht und – von seinem Standpunkt und vom Resultat her gesehen – alles fadengerade richtig macht.
Immer und überall werden dem ehemaligen Oppositionspolitiker Kommunikationsfallen gestellt. Mit der Keule des so genannten Kollegialitätsprinzips wird ihm zum Beispiel zugemutet, gegen Vorlagen anzutreten, die er als Parlamentarier soeben noch mit Vehemenz bekämpft hat. Doch das tut ein Blocher nicht, denn als Kommunikator denkt er zuerst an sein Stammpublikum. Als Kurt Furgler in der Abtreibungsfrage in den Ausstand trat, hat das niemand gestört. Als Blocher jedoch in aufreizender Gleichgültigkeit die Einbürgerungsvorlagen an sich vorbei an die Wand fahren liess, haben die politisch Korrekten aufgeheult.
Deiss, Leuenberger und Couchepin – die zuvor alle nicht die Courage hatten, Blocher per Mehrheitsbeschluss das Dossier zu entziehen – schickten Vasallen vor, um im letzten Augenblick moralische Empörung zu zelebrieren. Das Volk merkte natürlich, dass Frau Leuthard, Herr Schweiger und Genosse Fehr nur noch eine Entschuldigung für die sichere Niederlage suchten. Das Abstimmungsergebnis bewies dann auch, dass Blocher seine Ziele selbst mit Nicht-Kommunizieren zu erreichen versteht.
Einmal mehr hat ihm dabei weniger das eigene Genie als die Feigheit seiner Gegner geholfen. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich halte seinen Standpunkt für verfehlt und die sicher nicht ohne sein Zutun entstandene Anti-Muslim-Propaganda für widerlich. Den Effie-Preis für den durchschlagendsten Kommunikationserfolg – immerhin gegen die vereinigte öffentliche Meinung – hätte er dennoch verdient.
Eine andere Falle wurde dem zum Magistraten erhobenen Volkstribun unlängst am Verlegerkongress in Lausanne gestellt. Während Gerhard Schröder eine 08/15-Rede wie am Gewerkschaftskongress von Wanne-Eickel hielt, ging Blocher mit Lust und List, aber auch mit Souplesse auf das Thema Medienmacht ein. Mit erlesenen Bosheiten wie: «Eigenartigerweise ist die Vielfalt gerade bei den Tatsachenschilderungen relativ gross. Bei den Stellungnahmen dagegen beobachte ich eine beelendende Eintönigkeit. Müsste es nicht eher umgekehrt sein?»
Wer immer sie geschrieben hat: Die Lausanner Rede war intelligent, höflich und überaus treffend. Christoph Blocher verstand es, sich in einer Welt der politisch korrekten Verlogenheit als Partisan des gesunden Menschenverstands darzustellen.
Dabei sagte er bemerkenswerterweise eigentlich nur Selbstverständlichkeiten: etwa, dass die Medien sich, frei von Staatskrücken, auf ihre Informations- und Wertungsaufgabe konzentrieren sollen; dass ihnen der Staat keine Aufträge zu erteilen hat; dass nur Meinungsstreit und Widerspruch der Wahrheitssuche dienen; dass Kommentare frei und Tatsachen heilig sind und dass es verbotene Themen nicht geben darf. Warum, zum Teufel, muss man hier zu Lande Christoph Blocher sein, um solche Binsenwahrheiten auszusprechen?
Apropos mediale Blocher-Wahrnehmung: Der Justizminister lädt die Bundeshauspresse und alle Kamerateams ins Marzilibad an die Aare ein. Er zieht Schuhe und Socken aus, dann schreitet er leichtfüssig über das Wasser. Am nächsten Tag ist das Foto auf Seite 1 im Blick, dazu die Schlagzeile: «Dies ist der Beweis: Blocher kann nicht einmal schwimmen!»
> Karl Lüönd ist Publizist und Leiter des Medieninstituts vom Verband Schweizer Presse.

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