Mediale Massenkonfektion
Aufgefallen Brillantes Layout, doch blutleerer Inhalt: Weit mehr als an der Konjunktur leidet die Zeitungsbranche an ihrer Leidenschaftslosigkeit.
Kolumne Brillantes Layout, doch blutleerer Inhalt: Weit mehr als an der Konjunktur leidet die Zeitungsbranche an ihrer Leidenschaftslosigkeit.Sind unsere Zeitungen so schlecht, weil wir die Journalistinnen und Journalisten zu gut ausbilden? Unsinn, ein typischer Morgengedanken. Was einem da zwischen zweitem Mokka, Pferdewette und Lieblingsblatt zufliegt, wenn der Tag frisch gewaschen ist und das Begehren noch kräftiger als die Ordnung, dem sollte man nicht trauen.An jenem Morgen war eine Tagung zum «Qualitätsjournalismus» anberaumt. Derlei Veranstaltungen jagen sich. Nervös ist die Branche. Was Wunder: Die Leserinnen und Leser müssen zum Kauf genötigt werden. Was den Verdacht nährt, die Print-Krise sei eine der Inhalte. Im Versuch, den Leser mit immer lauteren Marketingtricks bei der Stange zu halten, malträtieren wir die journalistische Essenz. Und wundern uns über das Zapping-Verhalten, das wir unserem Publikum gerade so antrainieren.
Im Zug lese ich das Manuskript eines Kollegen, der in Hamburg volontierte und ein klares Bild von seiner Karriere hat: nach 18 Monaten Kisch-Preis, in drei Jahren Ressortleiter, dann – schnell, schnell – Chefredaktor. Es ist eine Diplomarbeit: «Kriegsjournalismus; neue Gefahren, neues Berufsbild». Mit Bitte um Feedback. Das Teil sieht gut aus. Chic geklammerte 68 Seiten. Farbige Infografiken. Perfektes Layout. Als PDF-File auch auf seiner Homepage. Sehr fertig wirkt sie, die Arbeit. Da möchte man eigentlich keine Korrekturen reinkritzeln. Ist auch nicht nötig. Ordentliche Sprache, nett gedrechselt, tadellos. Bis auf ein Detail: Dieser Text ist völlig
gedankenfrei. Geruchlos, körperlos, von keiner Spannung, keinem Konflikt befeuert. Eine intelligenzfreie Zone. Dem Mann ist eine gute Note sicher. Ich schreibe ihm ein paar unverbindliche Worte. Da spielt unsere kriminelle Vereinigung zur gegenseitigen Schonung auf niedrigem Niveau.
Die ehrliche Auskunft unterblieb («Sorry, wir machen nicht denselben Beruf»), weil der Hamburger so trefflich in seiner Zeit steht. Unsere Blätter haben dieselbe Gestalt wie seine Diplomarbeit: überkonfektioniert, verlayoutet, inhaltsfrei. Das lernt man so, auch an
renommierten Journalistenschulen. Beeindruckend, wie stilsicher deren Absolventen sind. Und erschreckend, wie unendlich langweilig ihre Artikel.
Journalisten haben lange um gute Ausbildungsstätten gerungen. Denn jeder, der schreibt, weiss: Wenn sich die Form sperrt, weil das Handwerk schwächelt, gerät der Inhalt unter die Räder. Bizarr, wie diese Schulen nun durchtrainierte Textverwalter hervorbringen, die jede Substanz und Überraschung aus den Blättern tilgen. Clevere Selbstverwerter, die eine Meinung schon für einen Gedanken halten. Kommerzielle Seelenmasseure, die Erregungsjournalismus mit Relevanz und Sinnlichkeit verwechseln.
An den Rand einer Nervenkrise treibt sie schon die Vorstellung, sich dem Stoff auszusetzen, die Realität beim Schreiben an sich arbeiten zu lassen. Komplexität zuzulassen und lesbar zu machen, überfordert sie. Was in der Gesellschaft mächtig aufbricht, ist ihnen nur noch Anlass, nicht mehr Grund des Schreibens – sie benützen die Oberfläche der Wirklichkeit zur Simulation von Journalismus.
Nur: Kann man dies den Journalistinnen und Journalisten der neuen Art wirklich vorwerfen? Schliesslich wird die ganze Gesellschaft immer virtueller. So gesehen haben sie das richtige Berufsprofil für die Medien, wie sie Verleger und Chefredaktoren heute produzieren. Die Schulen geben ihnen, was sie brauchen, um ihren Job zu tun.
Doch wahrscheinlich genügt das bald nicht mehr. Man stellt sich eine Journalistenausbildung vor, die Soziologie statt Mediensoziologie lehrt oder politische Wissenschaften statt Medienrecht. Die drei Auslandjahre zur Bedingung macht und Praktika in so fremden Gefilden wie China oder dem Thurgau. Die Intellektuelle statt Zeitgeist-Verkäufer hervorbringt. Aber Abendgedanken, wenn der Tag einen gerüttelt, geleert und gestriezt hat, sollte man nicht trauen …
> Oliver Fahrni ist freier Publizist. Bis 2001 war er stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandschef der Hamburger Woche.
Im Zug lese ich das Manuskript eines Kollegen, der in Hamburg volontierte und ein klares Bild von seiner Karriere hat: nach 18 Monaten Kisch-Preis, in drei Jahren Ressortleiter, dann – schnell, schnell – Chefredaktor. Es ist eine Diplomarbeit: «Kriegsjournalismus; neue Gefahren, neues Berufsbild». Mit Bitte um Feedback. Das Teil sieht gut aus. Chic geklammerte 68 Seiten. Farbige Infografiken. Perfektes Layout. Als PDF-File auch auf seiner Homepage. Sehr fertig wirkt sie, die Arbeit. Da möchte man eigentlich keine Korrekturen reinkritzeln. Ist auch nicht nötig. Ordentliche Sprache, nett gedrechselt, tadellos. Bis auf ein Detail: Dieser Text ist völlig
gedankenfrei. Geruchlos, körperlos, von keiner Spannung, keinem Konflikt befeuert. Eine intelligenzfreie Zone. Dem Mann ist eine gute Note sicher. Ich schreibe ihm ein paar unverbindliche Worte. Da spielt unsere kriminelle Vereinigung zur gegenseitigen Schonung auf niedrigem Niveau.
Die ehrliche Auskunft unterblieb («Sorry, wir machen nicht denselben Beruf»), weil der Hamburger so trefflich in seiner Zeit steht. Unsere Blätter haben dieselbe Gestalt wie seine Diplomarbeit: überkonfektioniert, verlayoutet, inhaltsfrei. Das lernt man so, auch an
renommierten Journalistenschulen. Beeindruckend, wie stilsicher deren Absolventen sind. Und erschreckend, wie unendlich langweilig ihre Artikel.
Journalisten haben lange um gute Ausbildungsstätten gerungen. Denn jeder, der schreibt, weiss: Wenn sich die Form sperrt, weil das Handwerk schwächelt, gerät der Inhalt unter die Räder. Bizarr, wie diese Schulen nun durchtrainierte Textverwalter hervorbringen, die jede Substanz und Überraschung aus den Blättern tilgen. Clevere Selbstverwerter, die eine Meinung schon für einen Gedanken halten. Kommerzielle Seelenmasseure, die Erregungsjournalismus mit Relevanz und Sinnlichkeit verwechseln.
An den Rand einer Nervenkrise treibt sie schon die Vorstellung, sich dem Stoff auszusetzen, die Realität beim Schreiben an sich arbeiten zu lassen. Komplexität zuzulassen und lesbar zu machen, überfordert sie. Was in der Gesellschaft mächtig aufbricht, ist ihnen nur noch Anlass, nicht mehr Grund des Schreibens – sie benützen die Oberfläche der Wirklichkeit zur Simulation von Journalismus.
Nur: Kann man dies den Journalistinnen und Journalisten der neuen Art wirklich vorwerfen? Schliesslich wird die ganze Gesellschaft immer virtueller. So gesehen haben sie das richtige Berufsprofil für die Medien, wie sie Verleger und Chefredaktoren heute produzieren. Die Schulen geben ihnen, was sie brauchen, um ihren Job zu tun.
Doch wahrscheinlich genügt das bald nicht mehr. Man stellt sich eine Journalistenausbildung vor, die Soziologie statt Mediensoziologie lehrt oder politische Wissenschaften statt Medienrecht. Die drei Auslandjahre zur Bedingung macht und Praktika in so fremden Gefilden wie China oder dem Thurgau. Die Intellektuelle statt Zeitgeist-Verkäufer hervorbringt. Aber Abendgedanken, wenn der Tag einen gerüttelt, geleert und gestriezt hat, sollte man nicht trauen …
> Oliver Fahrni ist freier Publizist. Bis 2001 war er stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und zuletzt Auslandschef der Hamburger Woche.
