Goldener Mittelweg
Gastkommentar Die Zeit? Zu sperrig! Die Times? Zu klein! Der Guardian? Der hat mit seiner Umstellung auf das «Schweizer Format» ins Schwarze getroffen, meint Francesco Benini.
Gastkommentar Die Zeit? Zu sperrig! Die Times? Zu klein! Der Guardian? Der hat mit seiner Umstellung auf das «Schweizer Format» ins Schwarze getroffen, meint Francesco Benini.Vor einer Woche habe ich Die Zeit abbestellt. Das Hamburger Wochenblatt ist ja nicht schlecht, aber ich lebe in einer Dreizimmerwohnung, und da war mir das einfach zu viel Papier. Kommt hinzu, dass mir der deutsche Journalismus mit seinem Hang zur Langfädigkeit zunehmend auf die Nerven geht. Zum Beispiel dieser Artikel über das italienische Rauchverbot in öffentlich zugänglichen Räumen. Der Journalist belegt die Tatsache, dass sich die Italiener bisher erstaunlich diszipliniert daran halten, nicht mit dem Besuch von zwei, drei Bars, sondern mit einem Streifzug durch neunundachtzig Lokale. Hinein verwoben sind Exkurse zur Kulturgeschichte des Rauchens und die Entwicklung des italienischen Nationalcharakters seit Garibaldi.Nichts würde ich den deutschen Zeitungen dringender raten, als ihren Schreibern Platz wegzunehmen. Das ist zwar eine Grausamkeit, wie jeder Journalist weiss, der bei der NZZ sozialisiert wurde und Längenvorgaben getreu dem Credo der Selbstverantwortung grundsätzlich ignoriert. Doch sie wirkt, wie die Briten den Deutschen mit der Verabschiedung vom Broadsheet vormachen. Einige Zeitungen gehen dabei freilich zu weit, wie die Times, die gleich auf Tabloid umstellt. Wenn ich eine Zeitung dieses Formats in den Händen halte, fühle ich mich stets in meine Kindheit zurückversetzt, als Vater mir das Mickey-Mouse-Heft vom Kiosk mitbrachte. Wobei anzumerken ist, dass dieses auch heute noch mehr Informationen enthält als 20 Minuten und Blick zusammen.
Die Schweizer Boulevardzeitung hat mit der Änderung ihres Formats kein Problem gelöst. Solange sich der Blick weigert, richtigen Boulevard zu machen, solange man dort unbeholfene Theaterkritiken statt gruseliger Hetzkampagnen liest, wird er weiter Auflage verlieren. Dass die Times auf Tabloid umgestellt hat, ist letztlich auch Ausdruck eines publizistischen Bedeutungsverlusts. Jenes Renommee, das die Times in den letzten zwei Jahrzehnten einbüsste, gewann der Economist dazu.
Der Guardian macht es besser. Auch er verkleinert sich, aber nicht auf Tabloid, sondern auf die Grösse der meisten Schweizer Tageszeitungen. Der guteidgenössische Kompromiss zwischen sperriger Wandtapete und aufgemotztem Klopapier ist das richtige Format für eine Zeitung. Sollte sich auch Die Zeit gesundschrumpfen, abonniere ich sie wieder. Oder vielleicht reichts mir ja schon bald für eine grössere Wohnung.
> Francesco Benini ist Inlandredaktor bei der NZZ am Sonntag.
Die Schweizer Boulevardzeitung hat mit der Änderung ihres Formats kein Problem gelöst. Solange sich der Blick weigert, richtigen Boulevard zu machen, solange man dort unbeholfene Theaterkritiken statt gruseliger Hetzkampagnen liest, wird er weiter Auflage verlieren. Dass die Times auf Tabloid umgestellt hat, ist letztlich auch Ausdruck eines publizistischen Bedeutungsverlusts. Jenes Renommee, das die Times in den letzten zwei Jahrzehnten einbüsste, gewann der Economist dazu.
Der Guardian macht es besser. Auch er verkleinert sich, aber nicht auf Tabloid, sondern auf die Grösse der meisten Schweizer Tageszeitungen. Der guteidgenössische Kompromiss zwischen sperriger Wandtapete und aufgemotztem Klopapier ist das richtige Format für eine Zeitung. Sollte sich auch Die Zeit gesundschrumpfen, abonniere ich sie wieder. Oder vielleicht reichts mir ja schon bald für eine grössere Wohnung.
> Francesco Benini ist Inlandredaktor bei der NZZ am Sonntag.
