Blick über die Grenzen

Oliver Classen über Chefwechsel bei Blick, NZZ – und bald wohl auch Tagi.

Oliver Classen über Chefwechsel bei Blick, NZZ – und bald wohl auch Tagi.Glaubt man dem dieser Tage auf diversen Frequenzen sendenden Flurfunk im Glaspalast, neigt sich Maili Wolfs Amtszeit rapide dem Ende zu. Verabschiedet sich nach den Verlagsleitern von NZZ und Blick aber auch noch die glücklose Lenkerin des Tages-Anzeigers, steht diesen Sommer bei allen drei grossen Deutschschweizer Tageszeitungen ein Führungswechsel an.Diese Koinzidenz lässt sich einerseits als weiteres Indiz für eine ratlose und zunehmend in Selbstzweifeln versinkende Branche deuten. Andererseits sollten die Verantwortlichen die Wachablösung jedoch als Chance für einen radikalen Neubeginn mit neuen, wirklich innovativen Köpfen begreifen – und nutzen. Denn nach den Sanierern braucht unser Blätterwald dringend wieder verlegerische Quer- und Vordenker. Solche sucht Ringier in seinem Stelleninserat für die Doppelverlagsleitung von Blick und SonntagsBlick erstmals auch explizit ausserhalb unserer Branchen- und Landesgrenzen.
Ein gleichermassen mutiger und notwendiger Schritt. Vorbildfunktion hatte hier wohl Deutschland, wohin NZZ-Innovator Tobias Trevisan ja leider abwandert. Mit Klaus Lutz (Süddeutsche Zeitung) und Michael Grabner (Holtzbrinck) treiben dort ein Hightech- und ein Handelsmanager die Zeitungsindustrie voran. Warum sollte ein ähnlicher Know-how-Transfer nicht auch hier zu Lande möglich und erfolgreich sein?
Doch auch einige alte einheimische Hasen sind für neue Ideen gut. Der zurzeit als freier Berater tätige Urs Zeier etwa könnte auf Grund seiner Metropol-Erfahrung den Blick vielleicht besser gegen das 20-Minuten-Virus immunisieren. 20-Minuten-Chef Rolf Bollmann mit seinen Regionalisierungserfolgen wiederum wäre eigentlich der ideale Vollstrecker der weiteren Tagi-Expansion. Und die NZZ bevorzugt bekanntlich sowieso Eigengewächse. Was okay ist, denn weit wichtiger als die Herkunft und persönliche Historie sind heute ohnehin Leidenschaft, Überzeugungskraft und – last but not least – der Mut zur kreativen Zerstörung.
> Oliver Classen, Redaktor

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