Eingekaufte Originalität

Aufgefallen Das Schreiben von Aufgefallenn ist zwar ein einträgliches Geschäft, doch mangelt es den meisten Journalisten an guten Einfällen.

Kolumne Das Schreiben von Kolumnen ist zwar ein einträgliches Geschäft, doch mangelt es den meisten Journalisten an guten Einfällen.Jemand bietet Ihnen eine Kolumne an, Mbwana? Nun, Kolumnen sind eine unsympathische Sache. Erfunden wurden sie von Chefredaktoren, die nicht begriffen haben, dass Persönlichkeit, Ideen, Witz Sachen des Alltags, also das Geschäft der Redaktion selbst sind. Und die darum glauben, Originalität lasse sich zukaufen wie Gewürz für eine Wassersuppe. Als Faustregel gilt: Je mehr Kolumnen, desto weniger Können im Blatt. Journalistenköpfe auf Fotos sind fast immer Attrappen.Andererseits, Mbwana, ist eine Kolumne höchst einträglich: Sie garantiert regelmässig Geld. Und zwar ohne grosse Recherche. Sagen Sie also zu Kolumnenaufträgen: ja. Aber meiden Sie die Fallen am Weg.
Das Tückische an einer Kolumne sind die mangelnden Ressourcen; eigentlich sollten Sie von Mal zu Mal eine Idee haben. Nur bezieht man Ideen höchstens im Vierteljahresabonnement. Und andere Ressourcen reichen nicht aus. Schreiben Sie über Ihr Privatleben, so werden Sie feststellen, dass Sie keines haben, jedenfalls kein wirklich interessantes. Sie sitzen meist vor einem Computer. Und passiert wirklich etwas Spannendes, etwa eine Scheidung, so können Sie es aber nicht schreiben. Das Resultat: Sie schnörkeln Harmlosigkeiten vor sich hin und heissen Herr und Frau Baumann oder Meier.
Ebenso werden Sie sehen, dass Ihre Meinungen nicht ausreichen. Sie werden höchstens fünf oder sechs passable Meinungen haben, die gleichzeitig durch Erfahrung fundiert, wirklich leidenschaftlich und halbwegs neu sind. Der Rest ist Geplätscher (siehe die Legion der Chefredak-, Ex-Chefredak- und Verlagsdirektoren).
Das dramaturgische Problem der Kolumne, Mbwana, ist also: Egal, ob Sie betrunken, bekümmert, benebelt sind, Sie müssen Woche für Woche die Ideen liefern, die Sie nicht haben. Die Lösung: Sie müssen die Ideen nicht haben, sondern sie simulieren. (Schreiben ist das perfekte Medium für Hochstapler: Was ich in drei Stunden schreibe, lesen Sie in drei Minuten. Mein Schnelligkeitsvorteil liegt also bei Faktor 60 – so lässt es sich leicht intelligent aussehen.)
Um den Motor eines Fliessbandprodukts wie einer Kolumne zu basteln, braucht es einen Trick. Sie brauchen nur eine einzige Idee – und zwar ganz am Anfang: ein klares Paket von Ton, Inhalt und Form der Kolumne. Dann müssen Sie sich um wenig mehr kümmern, als dass eine mittelmässige Idee in das Korsett passt, das sie trägt. Der Rest ist Automatik und Feilerei. So erzählt Martin Suters Business-Class-Kolumne die ewig gleiche Geschichte: Ein Manager versucht einen Karrieretrick und stolpert darüber. Oder die liebe Eliane gibt Sex-Tipps (spannend das Unglück anderer, spannend, ob man das Gleiche geraten hätte wie Eliane). Oder zum Beispiel die satirische Monster-Kolumne der WOZ zu nehmen, die ich seit über zehn Jahren herunterschreibe: Reale Namen aus Politik und Medien werden mechanisch in eine Schundromanumgebung entführt. Wählt man den Schundton richtig, funktioniert die Kolumne immer: Der Niedergang der FDP in Buddenbrocks-Ton, der falsche Doktortitel von Bischof Haas als Arztroman, die Pinkelkunstdebatte im Ständerat als unanständiges Gedicht – in keinem Fall ist es ein Problem, auf Pointen zu kommen. Eine bis drei Stunden Arbeit reichen.
Clevere Kolumnen mit dem richtigen Ton-Inhalt-Form-Paket sollten nach nur wenigen Wochen schon in ein bis drei Stunden in Hut und Mantel geschrieben werden können, sonst stimmt das Paket nicht.
Ein Schreiber wie Linus Reichlin, der für eine Kolumne eine Woche und ein Spitzensalär braucht, ist vor allem ein Verhandlungsgenie. (Hallo Facts, andere machen Ihnen dasselbe für die Hälfte des Honorars in einem Zehntel der Zeit!)
Diese Kolumne hier, geehrter Mbwana, beruht vor allem auf der Kombination von höchst unverschämtem und höchst unterwürfigem Ton. Sie wurde ohne Inspiration in düsterer Stimmung geschrieben (immerhin habe ich nach sieben Jahren bei meinem Arbeitgeber gekündigt), das Honorar beträgt 300 Franken, und sie kostete mich eine Stunde fünfzig Minuten.
> Constantin Seibt ist noch Redaktor der Wochenzeitung (WOZ).

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