Marienhof-Lektionen
Editorial Oliver Classen über investigativen Medienjournalismus hüben und drüben.
Oliver Classen über investigativen Medienjournalismus hüben und drüben.Mit diesem Skandal hat das Erste Deutsche Fernsehen sein Watergate», urteilt selbst die sonst zurückhaltende FAZ und meint damit die hanebüchenen Schleichwerbungspraktiken der ARD-Produktionsfirma Bavaria. Aufgedeckt und angeprangert wurden diese Anfang Juni nach jahrelanger Recherche vom deutschen Branchendienst epd medien. Ein Scoop reinster Güte. Chapeau, liebe Kollegen!Südlich des Rheins geht es diesbezüglich ungleich gemütlicher zu. Zwar hat das Bakom wegen Verdachts auf denselben Tatbestand Mitte Mai eine Untersuchung des SF-DRS-Formats «Traumjob» lanciert. Doch dazu führte nicht redaktionelle Maulwurfsarbeit, sondern die simple Abfrage dessen, was während Wochen auf dem Bildschirm an mutmasslichen Kopplungsgeschäften zu sehen war. Stimmt also Michael Hallers These (siehe Interview S. 29), dass Schweizer Enthüllungsjournalismus «ein Widerspruch in sich» ist?
Es scheint so – zumindest aus deutscher Perspektive. Schliesslich klagte auch Ex-Spiegel-Mann Dieter Degler, der Tamedia vergangenes Jahr beim Relaunch von Facts beriet, über die Angst hiesiger Rechercheure, sich vielleicht mal unbeliebt oder gar die Hände dreckig zu machen. Das gilt naturgemäss besonders, wenn es sich um Medienthemen handelt. Denn wer will es sich schon mit seinem potenziellen nächsten Arbeitgeber verderben? Zumal wenn dieser mehr oder minder dezent auf dieses Abhängigkeitsverhältnis hinweist. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung.
Und noch etwas lehrt uns das geplatzte Marienhof-Idyll: Dass eine wache, kritische Selbstbeobachtung der Medien im Zeitalter von Programming, Bartering und anderen so genannt «innovativen Werbeformen» mehr Not tut denn je. Deshalb ein Appell an die hiesigen Verleger: Professionalisieren Sie Ihre Medienberichterstattung – zur Watergate-Prophylaxe sozusagen. Und einer an die Kollegen: Zum Fangen fetter Fische brauchts ausser Chuzpe auch einen langen Atem. Nutzen wir die Sommerferien also zum Luft- holen!
> Oliver Classen, Redaktor
Es scheint so – zumindest aus deutscher Perspektive. Schliesslich klagte auch Ex-Spiegel-Mann Dieter Degler, der Tamedia vergangenes Jahr beim Relaunch von Facts beriet, über die Angst hiesiger Rechercheure, sich vielleicht mal unbeliebt oder gar die Hände dreckig zu machen. Das gilt naturgemäss besonders, wenn es sich um Medienthemen handelt. Denn wer will es sich schon mit seinem potenziellen nächsten Arbeitgeber verderben? Zumal wenn dieser mehr oder minder dezent auf dieses Abhängigkeitsverhältnis hinweist. Glauben Sie mir, ich spreche aus Erfahrung.
Und noch etwas lehrt uns das geplatzte Marienhof-Idyll: Dass eine wache, kritische Selbstbeobachtung der Medien im Zeitalter von Programming, Bartering und anderen so genannt «innovativen Werbeformen» mehr Not tut denn je. Deshalb ein Appell an die hiesigen Verleger: Professionalisieren Sie Ihre Medienberichterstattung – zur Watergate-Prophylaxe sozusagen. Und einer an die Kollegen: Zum Fangen fetter Fische brauchts ausser Chuzpe auch einen langen Atem. Nutzen wir die Sommerferien also zum Luft- holen!
> Oliver Classen, Redaktor
