Wahlkampf als Pferderennen

Kolumne Ob der/die nächste Kanzler/in Deutschlands nun Merkel oder Schröder heisst: Ein Lehrstück darüber, wie Medien die Demoskopie instrumentalisieren, war diese Wahl allemal.

Kolumne Ob der/die nächste Kanzler/in Deutschlands nun Merkel
oder Schröder heisst: Ein Lehrstück darüber, wie Medien die Demoskopie instrumentalisieren, war diese Wahl allemal.Nun ist die «Schicksalswahl» in
Deutschland also Geschichte. Zum Schluss war es diesmal tatsächlich ein
Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden geschrumpften Volksparteien CDU/ CSU und
SPD. Und danach, als alles gelaufen war, durften wir in der
Elefantenrunde des Fernsehens einen noch amtierenden Bundeskanzler
erleben, der mit auftrumpfender Arroganz die Medien und Demoskopen
gleichermassen attackierte; als wären sie an seiner Niederlage schuld.
So absurd dieses Schauspiel war, es liefert den Anlass zu einer
Nachbetrachtung.
Zu den medialen Inszenierungen des Wahlkampfs, die nun einmal
ökonomischer Logik im Wettbewerb um Publikumsaufmerksamkeit folgen,
gehört auch die Rolle, die der Meinungsforschung in der
Medienberichterstattung beigemessen wird. Über Wochen und Monate hinweg
gibt es nahezu täglich die neuesten «Wasserstandsmeldungen» zur so
genannten Sonntagsfrage (Wie würden Sie wählen, wenn bereits nächstes
Wochenende abgestimmt würde?). Dabei spielen Journalisten die
verschiedenen Institute gegeneinander aus, verschubladisieren und
überinterpretieren voneinander abweichende Wahlprognosen – allerdings
meist ohne zu recherchieren, welche Forscher wie seriös arbeiten und
welche schon mal schummeln, um ihren jeweiligen Auftraggeber zu
erfreuen. Es wird auch kaum noch diskutiert, welchen Einfluss die
Umfragen auf das tatsächliche Verhalten haben: Immerhin dürften diesmal
ein paar Prozent mehr Wähler schlau genug gewesen sein, um bei
ihrer  Wahlentscheidung strategisch auf die Prognosen zu
reagieren, also beispielsweise die CDU/CSU nicht zu mächtig werden zu
lassen. So wird dann Meinungsforschung wo-möglich zur «self fulfilling»
oder auch zur «self destroying prophecy».
Ebenso weigern sich viele Journalisten beharrlich zur Kenntnis zu
nehmen, dass Wahlvorhersagen nicht punktgenau sein können. Sie weisen
Schwankungsbreiten und damit Ungenauigkeiten auf. Streit um abweichende
Prozentwerte offenbart so eher die – frappante! – Unkenntnis vieler
Politikredaktoren hinsichtlich der Methodik empirischer
Umfrageforschung, als dass er in der Sache selbst erhellend wirkte.
Indes: Würden die Medienvertreter ihre Publika über die begrenzte
Aussagekraft von Wahlumfragen informieren, wären sie zugleich ihres
Lieblingsspielzeugs während der Vorwahlphase beraubt. Und damit einer
kostengünstigen Möglichkeit, die Wahl als «horse race» zu dramatisieren
und so Auflagen und Quoten zu steigern. Diesmal waren die Abweichungen
zwischen den letzten Schätzungen der Demoskopen und dem Wahlergebnis
jedoch so gross, dass auch die Meinungsforscher selbst am Rätseln sind.
Die Grande Dame der Demoskopie, Elisabeth Noelle, hat ebenso wie der
namhafte amerikanische Publizistikprofessor Philip Meyer bereits vor
Jahrzehnten angeregt, «Präzisionsjournalismus» zu fördern. Beide
fordern in den Redaktionen mehr sozialwissenschaftliche Kompetenz im
Umgang mit Umfragedaten und Statistiken ein.
Zwar gibt es heute kaum noch einen medienbezogenen Studiengang, in dem
solches Grundwissen nicht vermittelt würde. Doch gefruchtet hat es
bisher kaum. Über Umfragen und andere Sozialforschung wird dann
berichtet, wenn sie Unterhaltungswert haben. Wie und warum die
Ergebnisse zu Stande gekommen sind, interessiert leider zu wenige
Journalistinnen und Journalisten. Und auch wer der Auftraggeber welcher
Studie war, enthalten sie ihren Publika allzu oft vor.

> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Università della Svizzera Italiana in Lugano.

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