Psychologische Kriegsführung

Kolumne Lebt der investigative Journalismus, oder sind die Enthüllungen über US-Foltergefängnisse mit Bedacht gestreute Infos aus dem Pentagon?

Kolumne Lebt der investigative
Journalismus, oder sind die Enthüllungen über US-Foltergefängnisse mit
Bedacht gestreute Infos aus dem Pentagon? Es schmeichelt uns, wenn die Washington
Post geheime CIA-Folterkammern in Europa enthüllt. Es erhöht unser
Selbstwertgefühl, wenn italienische Medien die Verschleppung
Unschuldiger aus unseren Städten an den Tag bringen, britische Kollegen
Transportflüge mit gefesselten, geknebelten, unter Drogen gesetzten
Verdächtigen enttarnen. Wow! sagen wir und halten die Erhellungen für
den Beweis, dass investigativer Journalismus, der totgeglaubte, noch
lebt – mehr: dass er Wirkung zeige.

Die war beträchtlich. Demokraten bringen scharfe Sentenzen über
Menschenrechte zu Gehör. Der Europarat lässt recherchieren. Weil er
wusste, ist Tony Blair wieder einmal «unter Druck». Die Mailänder
Staatsanwaltschaft sucht 22 CIA-Agenten per Haftbefehl – und bekommt
dafür Prügel von Silvio Berlusconi. In Berlin wogen monumentale
Debatten darüber, ob die Sache debattiert werden dürfe. Schwedens
Regierung… Nur der Schweizer Bundesrat weiss von nichts, wartet auf
Beweise, bittet in Washington folgenlos um Aufklärung.
Konsequenterweise richtet Bern seine ganze staatsanwaltschaftliche
Energie auf den unbekannten Enthüller eines Folter-Faxes statt auf die
Menschen- und Völkerrechtsverletzungen der US-Agenten auf unserem
Boden.

So paart sich unter manchen Journalisten, in schöner Fusion, Empörung
mit dem Gefühl, über eine kleine Parzelle Macht zu gebieten, die Macht
des Wortes, der Aufklärung, kurzum: die Macht der vierten Gewalt.
Schön wärs. Wer noch des Zweifels mächtig ist, fragt: Wie kommt es,
dass ausgerechnet die «Post» die Sache ans Licht zerrte? Das Blatt
glänzt eher mit Botmässigkeit denn mit Erhellungen. Kaum eine Lüge der
US-Regierung, die da nicht zur Information umgedichtet wurde. Die
meisten US-Journalisten verstehen sich, wie der Philosoph Alain
Finkielkraut, «als Soldaten der Zivilisation». Daran ändern auch die
rituellen Autoflagellationen der US-Medien nichts. Soldaten gehorchen,
sie fragen nicht.

Was also wäre, wenn die US-Regierung dieses Leck selbst inszeniert
hätte? Derlei fragt man nicht, ohne des Anti-Amerikanismus geziehen zu
werden. Gemach. Die Enthüllung dient Präsident Bushs Zielen. Europa,
das eine eigene Position zu Krieg und Frieden behauptete, ist nun, aus
Sicht der Welt, in die imperialen Schandtaten hineingezogen. Weil die
meisten europäischen Regierungen den «Krieg gegen den Terrorismus»
schweigend billigten, ihre Dienste, auch die schweizerischen,
gelegentlich sogar mitmischten, zwingt die Enthüllung sie nun,
essenzielle Werte der eigenen Gesellschaften umzuschreiben. Folter etwa
wird banalisiert. Seit der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble,
von dem man Besseres erwarten durfte, am Folter-Begriff semantisch bis
zur Unkenntlichkeit schraubte, wird irgendwann auch auf deutschem Boden
genichtfoltert werden. Und wenn Schweizer Dienste in Guantanamo
verhören lassen wollen, obschon sie von der Folter im US-Camp wissen,
stiften sie zur Menschenrechtsverletzung an.

Kriegsherren foltern, auch «zivilisierte». Aber dagegen stand das Recht
– die erklärte Absicht also, die Folter bannen zu wollen, als Akt
zivilisatorischer Selbstzähmung. Manchmal mit Erfolg. Das eigentlich
Entsetzliche an der gegenwärtigen Debatte ist diese langsame Schleifung
dieses Vorsatzes.

Verschwörungstheorie? Ach was. Naiv und arrogant wäre es, den
Amerikanern zu unterstellen, sie hätten die Informationen nicht mit
Bedacht gestreut. Hunderte gescheiter Köpfe im Pentagon, in der CIA, in
Thinktanks beschäftigen sich mit «Psychops» – psychologischer
Kriegsführung. Sie wissen um die Macht über die Köpfe. Vor dem
Marschflugkörper kommt die symbolische Gewalt. Über diese Verheerungen
nachzudenken – das hätte uns Journalisten tatsächlich geschmeichelt.

Oliver Fahrni ist freier Publizist.

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