Vorauseilender Gehorsam

Kolumne Medienkonzerne sind wichtige «Corporate Citizen». Und willfährige, wie Google’s Selbstzensur in China zeigt. Einen Gegenakzent setzt nun – ausgerechnet – Super RTL, schreibt Oliver Classen.

Kolumne Medienkonzerne sind wichtige «Corporate Citizen». Und willfährige, wie Google’s Selbstzensur in China zeigt. Einen Gegenakzent setzt nun – ausgerechnet  –  Super RTL.Wenn zwei hoch dekorierte Repräsentanten
unserer globalisierten Zukunft aufeinander treffen, kann das einen
Rückfall ins Mittelalter bedeuten. So geschehen Ende Januar am Rande
des World Economic Forum (WEF), wo der Gründer des derzeit
finanzstärksten Medienunternehmens und der Vize-Premier des
weltgrössten Zukunftsmarkts in einem Fünf-Sterne-Hinterzimmer die Köpfe
zusammensteckten. Ganz im Geist von Davos, also «committed to improving
the state of the world» (so die offizielle raison d’être des WEF)
sprachen Larry Page und Zeng Peiyan wohl hauptsächlich über den wenige
Tage zuvor erfolgten Start von google.cn.

In Wirklichkeit hat der Deal, bei dem Google das Menschenrecht auf
Informations- und Meinungsfreiheit gegen einen lukrativen Marktzutritt
eintauschte, zumindest die Medienwelt ein Stückchen schlechter gemacht.
Ausgerechnet jener Internet-Suchdienst, der einst mit missionarischem
Eifer vor reinem Profitdenken warnte und mit der Firmendevise «Tu
nichts Böses» um Vertrauen warb, übt nun vorsätzliche Selbstzensur, um
sich sein Stück vom üppigen China-Kuchen zu sichern. Diese
Verabschiedung von jeglicher gesellschaftspolitischen Verantwortung und
allen aufklärerischen Idealen müsste jeden halbwegs integren
Medienmenschen erst zornig und dann aktivistisch machen.

Warum kein Google-Boykott?

Müsste. Denn tatsächlich wird zwischen den Zeilen der zwar zahlreichen,
aber zahnlosen Kommentare mehr Häme als echte Empörung spürbar. «Jetzt
sind also auch die letzten Wall-Street-Wunderknaben der New Economy von
der harten Geschäftsrealität eingeholt worden», lautet die
Hauptbotschaft, zumal in der Wirtschafts- und Fachpresse. Solcher
Zynismus, mit dem viele Kollegen Google’s Hochverrat bagatellisieren,
ist ein noch grösserer, weil kollektiver Skandal als der obszöne
Opportunismus eines ehemaligen Schrittmachers und Sympathieträgers der
Branche.

Textil- und Turnschuhfabrikanten sehen sich schon beim kleinsten
Sweatshop-Verdacht mit medial verstärkten Boykottaufrufen konfrontiert.
Bei Medienunternehmen bleiben solche Appelle aus, obwohl auch die
Hersteller eines so abstrakten Produkts wie Öffentlichkeit heute nur
mehr vor konzertierter Konsumentenmacht kuschen.

Dass von Seiten der Menschenrechtsorganisationen bislang kein
entsprechender Aufruf lanciert wurde, ist schade, aber auch
bezeichnend. Denn offenkundig wagt selbst Amnesty International (AI)
keine Konfrontation mit Google – wohl, weil dies auch einen Global
Player wie AI ein paar Ränge auf den alles entscheidenden Suchlisten
kosten würde.

Ganz vorne auf Google figuriert zurzeit dagegen Super RTL –
vorausgesetzt freilich, man kombiniert den Suchbegriff
«Unternehmensverantwortung» mit «Medien» respektive «Werbung». Der
deutsche Kindersender hat nämlich die britische Media-Smart-Initiative adaptiert und damit für einiges Aufsehen gesorgt.
Kein Wunder, handelt es sich dabei doch um schulische Werbeaufklärung
für die 6- bis 12-Jährigen. Gesponsort wird der gemeinnützige Verein
von Lego, Masterfoods, McDonald’s, Nokia und anderen kinderfreundlichen
Konzernen. Ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass es sich – wie
bei Google’s Selbstzensur – auch hier um vorauseilenden Gehorsam
handelt.

Wenn auch um eine ungleich sympathischere Variante. Denn gegen solche
Prophylaxe-Aktionen wider weitere Werbeverbote aus Brüssel oder
anderswo ist prinzipiell nichts einzuwenden. Ausser dem
Etikettenschwindel, mit dem Super-RTL-Chef Claude Schmitt seine
Initiative kürzlich zur «gesellschaftspolitischen Mündigmachung unserer Kinder» umdeutete.
Egal, Hauptsache, auch die Medienunternehmen begreifen sich endlich als
«Corporate Citizen» – und handeln entsprechend.

Oliver Classen ist Pressesprecher der
entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern. Zuvor war er
Medienjournalist und u.a. Redaktor der Werbewoche.

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