Freundliche Grüsse für Greenpeace: Von hier aus den Planeten retten

Überkonsum, Klimakatastrophe oder übermächtige Konzerne, welche die Meinungsfreiheit bedrohen: Im Kampf gegen globale Krisen fühlen sich immer mehr Menschen ohnmächtig und überfordert. Nicht so Greenpeace. Mit der neuen Imagekampagne, inkl. TV-Spot, mobilisieren Greenpeace und die Zürcher Agentur Freundliche Grüsse schweizweit die Menschen, Widerstand zu leisten. m&k hat ein exklusives Interview geführt.

Die Sicherheit ist trügerisch. Viele der globalen Probleme scheinen in der Schweiz in weiter Ferne. Gleichzeitig fühlen sich viele Menschen überfordert und handlungsunfähig. Nicht so Greenpeace: Egal, ob es um den Kampf gegen übermächtige Konzerne, den sozioökonomischen Wandel oder die Ausbeutung der Ozeane geht – Greenpeace-Unterstützer:innen sind Teil des weltweiten, aktiven Widerstandes gegen die Zerstörung unseres Planeten.

Das ist die Kernbotschaft des TV-Spots. Er verbindet Alltagsszenen aus der Schweiz mit internationalen Schauplätzen von Greenpeace-Aktionen. Vier Out of Home-Sujets führen das Leben von potentiellen Greenpeace-Mitgliedern mit Katastrophen und Bedrohungen an einem anderen Ort der Welt zusammen. Das baut die Distanz zwischen Botschaft und Betroff enen ab und vermittelt Dringlichkeit.


Die Visuals und Botschaften wollen Greenpeace als Umweltorganisation stärken, die Sichtbarkeit in der Schweiz erhöhen und Menschen inspirieren, aktiv für Umweltschutz einzustehen. Die Botschaft holt Menschen aus ihrer Komfortzone und macht klar: Niemand ist zu weit weg von globalen Krisen, um nicht selbst ins Handeln zu kommen.

Die Kampagne wird ab Oktober in der ganzen Schweiz über (D)OOH, Inserate, digitale Display- und Social-Media-Ads sowie als TV-Spot auf Deutsch, Französisch und Italienisch ausgespielt.


Verantwortlich bei Greenpeace: Caroline Blanckenberg (Marketing Manager), Franziska Neugebauer (Visual Communication Manager), Marc Meier (Multimedia Production), Claudia Forcellini (Fundraising Overview)
Verantwortlich bei Freundliche Grüsse: Pascal Deville, Samuel Textor (Creative Direction), Andrea Aegerter (Beratung), Jacqueline Rufener, Timotheus Ueberall (Text), Laura Leuenberger (Art Direction), Julia Felder (Grafik), Pascal Duschletta (Producer), Anil Sarikaya (Regie & Edit), Gabriel Koller (DoP), Lorenz Wahl (Bildbearbeitung), Federico Bettini (Jingle Jungle).


Interview mit Caroline Blankenberg, Marketing Manager bei Greenpeace

Caroline Blankenberg.

m&k Ihr setzt bei einem Gefühl an, das viele kennen: Ohnmacht. Warum ausgerechnet dort und nicht bei Hoffnung oder Empörung?

Caroline Blankenberg: Wir haben uns gefragt: Wie holen wir die Menschen am besten ab und bringen sie zum Handeln? Indem wir das weit verbreitete Gefühl der scheinbaren Ohnmacht direkt ansprechen, vermitteln wir: „Wir verstehen dich, du bist nicht allein.“ Menschen mögen Hilflosigkeit empfinden, doch sobald sie sich zusammenschliessen, ändert sich das. In der Gruppe wird die eigene Stimme verstärkt. Durch das Hervorheben vergangener Kampagnen-Erfolge erbringen wir zudem den Beweis, dass Veränderung möglich ist und gemeinsamer Druck und kollektives Handeln Wirkung zeigen.

Die Menschen im Spot stellen sich eine sehr grundsätzliche Frage: Was kann ich von hier aus tun? Wie stark ist heute das Bedürfnis, dass das eigene Leben einen
Unterschied macht, und was passiert mit Menschen, die auf diese Frage keine Antwort finden?

Der Drang nach Selbstwirksamkeit ist heute enorm hoch. Inmitten globaler Krisen suchen Menschen nach Sinn und dem Gefühl, in ihrem Alltag etwas ausrichten zu können. Wer auf die Frage «Was tun?» keine Antwort findet, rutscht oft in eine Art Klima-Angst, wird zynisch, verdrängt und fühlt sich gelähmt und hilflos («Bringt ja eh nichts»).

Unser TV-Spot fängt diese scheinbare Ohnmacht auf. Er nimmt den Menschen den Druck, die Welt alleine retten zu müssen und zeigt auf, dass wir alle handlungsfähig sind: jetzt und von hier aus. Die grösste Veränderung nimmt oft im Kleinen ihren Anfang, vor der eigenen Haustür.

Was hat den Anstoss zu dieser Kampagne gegeben? Gab es einen Moment, eine Erfahrung oder eine Zahl, die euch gesagt hat: Jetzt?

Die Schweiz ist ein Gigant. Hier liegt das Geld und hier haben Rohstoffkonzerne ihren Hauptsitz. Viele Menschen denken: «Was kann ich hier im Dorf oder in der Stadt schon ausrichten?» Die Antwort ist: Viel, sehr viel. Genau von hier aus hat ihre Stimme eine enorme Strahlkraft. Wir sind für unser Konsumverhalten selbst verantwortlich und wir haben es in der Hand, gegen übermächtige Konzerne vorzugehen, zum Beispiel mit den Instrumenten der direkten Demokratie. Die Botschaft: Wir lassen uns nicht einschüchtern.

Der Spot sagt: Jeder kann etwas beitragen. Was ist es nun: Selbst handeln oder handeln lassen? Und wie viel Delegation verträgt echtes Engagement?

Der TV-Spot zeigt, dass jede Person auf ihre eigene Weise dazu beitragen kann, dass Veränderung passiert – ob durch aktivistisches Engagement vor Ort oder durch finanzielle Unterstützung. Beides ist gleichwertig. Greenpeace agiert als professionelle Organisation dort, wo der Hebel des Einzelnen im Alltag nicht hinreicht. Spenden heisst, aktiv dazu beitragen, sich und andere – hier Greenpeace – zu befähigen, gemeinsam mehr zu bewirken. Die Botschaft der Kampagne lautet: Du musst nicht alles alleine machen und bist nicht machtlos. Ob man nun selber auf die Strasse geht, im Alltag Haltung zeigt oder Greenpeace als verlängerten Arm finanziell unterstützt – genau von hier aus machst du den Unterschied.

Im Spot wird geflüstert, nicht gerufen. Ist das die Ziegruppe,  diese Menschen im Spot, die leise, fast verschämte flüstern? Also Menschen, die sich zwar Gedanken machen, sich aber
nicht trauen, sie laut auszusprechen?

Genau das ist die Idee dahinter. Wir wollen die leisen, vielleicht verborgenen oder verschütteten Gedanken der Menschen aufgreifen. Viele Menschen machen sich grosse Sorgen um die Zukunft, trauen sich aber kaum, dies laut auszusprechen – weil die Probleme so gross wirken und der eigene Beitrag so klein scheint. Das Flüstern zeigt Introspektion, schafft Intimität und Nahbarkeit. Es zeigt: Wir hören die Zweifel der Menschen, auch wenn sie leise sind.

Auf den Plakaten schauen uns Menschen an, und durch ihre Gesichter brechen Müllberge, Fischernetze und Schlote. Warum stehen Gesichter im Zentrum statt die Zerstörung allein?

Bilder von reiner Zerstörung schaffen Distanz und wirken lähmend. Wir wollen das Gegenteil erreichen. Indem Müllberge, Fischernetze und Kamine durch menschliche Gesichter hindurchbrechen, zeigen wir: Alles ist miteinander verbunden. Die Umweltzerstörung passiert nicht irgendwo weit weg, sie hat globale Auswirkungen. Gleichzeitig kann man auch von hier aus Probleme am anderen Ende der Welt anpacken. Die Bilder sollen uns daran erinnern, dass wir nicht nur Betroffene sind, sondern die Kraft haben, Dinge zu verändern.

«Fortschritt statt Fossile», «Respekt statt Raubbau»: Die Claims setzen auf positive Gegenbegriffe statt auf Anklage. Ist das eine bewusste Abkehr vom Alarmismus?

Ja, das ist ein bewusster Entscheid. Alarmismus erzeugt oft Lähmung und Abwehr. Mit Begriffen wie ‚Fortschritt‘ und ‚Respekt‘ rücken wir Lösungen in den Fokus. Wir zeigen eine erstrebenswerte Zukunft auf und laden die Menschen ein, diese aktiv mitzugestalten.

Neben Klima, Konsum und Ozeanen nennt ihr auch die Bedrohung durch Big Tech. Das ist kein klassisches Greenpeace-Thema. Warum gehört es jetzt dazu?

Greenpeace stand immer schon für Umweltschutz (Green) und Frieden (Peace). Beides setzt eine funktionierende Demokratie voraus. Wenn übermächtige Tech-Konzerne und Milliardäre wie Elon Musk oder Jeff Bezos mit ihrem Kapital und ihren Plattformen die Politik beeinflussen und Diskurse steuern, bedroht das die Grundlagen unserer Handlungsfähigkeit. Wir können die Umwelt nicht wirksam schützen, wenn wir zulassen, dass Macht und Einfluss in den Händen weniger Tech-Giganten konzentriert sind. Wir müssen Big Tech regulieren. Big Tech darf nicht Wenige superreich machen, sondern muss dem Allgemeinwohl dienen.

Eine Imagekampagne in einer Zeit, in der Umweltthemen politisch eher unter Druck stehen: Woran messt ihr, ob sie gewirkt hat? An neuen Mitgliedern, an Sichtbarkeit oder an einer Haltung?

Das Hauptziel dieser Kampagne ist es, Sichtbarkeit für drängende Umweltthemen zu erzeugen, die uns alle bewegen. Gerade in Zeiten, in denen der politische Wind dreht, dürfen Umweltschutz und Demokratie nicht im Hintergrund verschwinden. Wir messen den Erfolg daran, wie stark es uns gelingt, den gesellschaftlichen Diskurs zu prägen, der Lähmung eine mutige Haltung entgegenzusetzen und den Menschen ihre eigene Handlungsfähigkeit wieder ins Bewusstsein zu rufen. Neue Mitglieder und Spenden sind für unsere unabhängige Arbeit extrem wichtig – sie sind die logische Folge davon, dass wir Sichtbarkeit und Haltung geschaffen haben.

Die grossen Krisen lösen sich nicht in einer Kampagnenlaufzeit. Was hält dich persönlich bei der Stange, wenn die Erfolge klein sind?

Ich versuche immer, positiv zu bleiben, niemals den Mut zu verlieren und auch die kleinen Erfolge bewusst zu feiern – denn Veränderung geschieht oft in kleinen Schritten. Was mich persönlich jeden Tag aufs Neue motiviert: Meine Arbeit bei Greenpeace gibt mir die Chance, Menschen für den Umweltschutz und für soziale Gerechtigkeit zu begeistern. Greenpeace nimmt keine staatlichen Gelder, erhält keine Subventionen und akzeptiert keine Spenden von Unternehmen. Wir zählen einzig auf engagierte Menschen. Für die Möglichkeit, gemeinsam mit ihnen etwas zu bewegen, bin ich sehr dankbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

More articles on the topic