Ein Denkmal weicht dem Samstag: Ringiers kühne Print-Wette

Wenn Ringier ins ehrwürdige Zürcher Restaurant «Terrasse» lädt, um das Ende des SonntagsBlick nach 57 Jahren zu verkünden und zeitgleich den Blick fürs Wochenende vorzustellen, ist das vor allem eines: ein bemerkenswerter strategischer Schwenk.

Blick feiert fast 60 Jahre SonntagsBlick-Geschichte. Quelle: zvg
Blick feiert fast 60 Jahre SonntagsBlick-Geschichte. Quelle: zvg

Dass gedruckte Zeitungen mit erodierenden Auflagen und schrumpfenden Werbebudgets kämpfen, ist eine Binsenwahrheit. Die Reduktion beziehungsweise Vorverlegung der Sonntagsausgabe auf den Samstag mag aus verlegerischer Sicht betriebswirtschaftlich zwingend sein, verkauft wird sie freilich als publizistische Aufwertung. Doch ob der Schritt tatsächlich verfängt, wird sich daran messen lassen, ob die Redaktion ihr Qualitäts- und Innovationsversprechen einlösen kann. Denn Print hat in einer hyperdigitalen Medienwelt nur dann eine Daseinsberechtigung, wenn man keine Kompromisse bei Relevanz, Recherche und Erzählkunst eingeht.

Halt, Stopp, Sonntag war gestern! Reto Scherrer erklärt mit vollem Körpereinsatz, warum das Wochenende künftig schon am Samstag beginnt.

Unser stimmungsvolles m&k-After-Movie zum denkwürdigen Abend im Terrasse…

Zwischen Kiosk-Boykott und Volkssprache: Der Blick besinnt sich auf seine Wurzeln

Ringier-CEO Marc Walder erinnerte in seiner Eröffnungsrede an die stürmischen Anfangsjahre der Marke. Als der Blick 1959 startete, sah sich das Blatt mit enormem Gegenwind konfrontiert: Es gab öffentliche Zeitungsverbrennungen, der Verlegerverband wollte den Verkauf an Bahnhofskiosken unterbinden, und der Bund entzog Ringier damals gar den lukrativen Druckauftrag für die Telefonbücher. Auch der Start des SonntagsBlick am 23. März 1969 galt für die Kirche als Tabubruch am Tag des Herrn.

Marc Walder, CEO Ringier

Dieser Rückblick passte zum Grundtenor des Abends: Zu hoffen bleibt, dass sich die Marke Blick im Zuge dieser Neuaufstellung wieder mutiger auf ihre ureigenen Stärken besinnt – auf handfesten, investigativen Boulevardjournalismus, der nah am Alltag der Menschen ist, Missstände furchtlos aufdeckt und im besten Sinne ungeschminkt die «Sprache des Volkes» spricht.


m&k hat bei «Beteiligten» und «Betroffenen» um ein paar Worte zur bevorstehende Änderung im Blick-Universum gebeten. Für die Werbeauftraggeberschaft Sonia Milici von Yuh aus dem Hause Swissquote und für Ringier Advertising Thomas Passen.

Ein Abend der Anekdoten: Was die Ikonen erzählten

Der Abend im «Terrasse» sollte vor allem einen Vorgeschmack darauf bieten, worauf das neue Wochenendformat künftig setzen will: auf grosse, persönliche Geschichten. Moderator Reto Scherrer entlockte den anwesenden Aushängeschildern einige pointierte Reminiszenzen:

Bernhard Russi, seit über 50 Jahren eng mit dem Blatt verbunden, plauderte über seine ganz eigene Zeitungslogistik. In Andermatt sei der SonntagsBlick oft erst montags im Kasten gelandet: «Für mich war der SonntagsBlick nie News, sondern reine Geschichte.» Früher habe er vier Tage für eine 70-Zeilen-Kolumne auf der Hermes-Baby gebraucht, heute tippe er sie in einer halben Stunde. Er könne ohnehin nur denken, wenn er tippe: «Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich es geschrieben habe?»

Bernhard Russi im Gespräch mit Marc Walder

Christa Rigozzi, die vor genau 20 Jahren zur Miss Schweiz gewählt wurde, erinnerte sich an die Zeitungsboxen. Auch im Tessin kam die Sonntagsausgabe nie am selben Tag an. Wenn sie wissen wollte, was über sie geschrieben stand, schlich sie sich sonntags im Pyjama zum Kasten, um eine Ausgabe zu ergattern. Ihren Durchbruch verdanke sie auch dem Umstand, stets authentisch geblieben zu sein – bis hin zum ersten grossen politischen Interview im SonntagsBlick nach ihrem Politologiestudium.

Christa Rigozzi

Doris Leuthard, Alt-Bundesrätin und langjährige Polit-Protagonistin, ordnete die Medienkrise mit gewohnter Nüchternheit ein. Die Berichterstattung sei oft zu stark personalisiert und auf Krawall gebürstet. Gegen die um sich greifende «News Fatigue» und Fake News brauche es Orientierung: «Man kann komplexe Sachverhalte einfach und verständlich erklären, ohne sie zu verflachen. Genau das ist eine riesige Chance für Schweizer Qualitätsmedien.»

Baschi, der vor 20 Jahren bei MusicStar entdeckt wurde, reflektierte über sein Erwachsenwerden im medialen Scheinwerferlicht. Seine Grossmutter habe penibel jeden Zeitungsschnipsel in Alben geklebt. Wenn wieder einmal eine besonders reisserische Schlagzeile über sein Privatleben drohte, habe er seine Familie vorher anrufen müssen, um die Wogen im Vorfeld zu glätten.

Baschi im Talk mit Ringier-CEO Marc Walder

Alex Frei, Schweizer Rekordtorschütze und aktueller U21-Nationaltrainer, blickte selbstkritisch auf sein Verhältnis zu den Medien zurück. Er habe früher vieles zu persönlich genommen. Den heutigen Nachwuchstalenten fehle es oft an Geduld, weil auf Social Media mehr Schein als Sein regiere: «Man muss den Jungen Zeit geben und Konstanz einfordern.»

Alex Frei
Alex Frei

Vom Gartenschlauch zum Weltkonzern: Das Innovations-Lehrstück von David Allemann

Einen der stärksten Auftritte des Abends lieferte On-Mitgründer David Allemann. Seine Schilderung, wie das Zürcher Unternehmen einst belächelt wurde und schliesslich zu einer globalen Milliardenmarke an der New Yorker Börse heranwuchs, bot eine bemerkenswerte Parallele zur Debatte um die Zukunftsfähigkeit von Print.

On-Running Co-Founder David Allemann respektive sein Schuhwerk

Allemann erzählte lebhaft, wie Mitgründer Olivier Bernhard die ersten Prototypen baute, indem er einen simplen Gartenschlauch in Stücke schnitt und unter alte Nike-Schuhe klebte. Auf einer gemeinsamen Wanderung im Engadin hätten sie schliesslich beschlossen, alles zu riskieren. Heute forschen 1500 Mitarbeitende in Zürich mit Robotik und Algorithmen an der Zukunft des Laufens. Allemanns Kernbotschaft an die Medienmacher: Wer in einem gesättigten, schwierigen Markt bestehen will, darf sich nicht mit kosmetischen Anpassungen begnügen, sondern muss radikal auf Innovation und Differenzierung setzen. Ein Gedanke, der Ringier bei der Neukonzeption als Mahnung und Ansporn zugleich dienen dürfte.

On-Running Co-Founder David Allemann

Das Produktversprechen: Was ab Januar 2027 auf dem Tisch liegen soll

Ab dem 9. Januar 2027 liegt der Blick fürs Wochenende samstags am Kiosk und im Briefkasten. Gedruckt auf hochwertigerem, weisserem Papier und im vertrauten Tabloid-Format, soll die Ausgabe 96 Seiten umfassen.

Gegen die Hektik der Woche: Ladina Heimgartner, CEO von Ringier Medien Schweiz, erklärt die Philosophie hinter dem ‹Blick fürs Wochenende› – mehr Zeit, mehr Einordnung und das Wochenende als wertvollster Medienmoment.

Für das visuelle Erscheinungsbild zeichnet Julie Body, AI Creative Director von Ringier Medien Schweiz, verantwortlich. Body greift bewusst historische Gestaltungsprinzipien der 1960er-Jahre auf – etwa die strenge Quadratur im Satzspiegel und markante typografische Kontraste aus klassischer Serifenschrift für Titel und dynamischer Groteskschrift für den Sport. Ihr Konzept räumt dem grossflächigen, ungeschönten Fotojournalismus wieder jenen monumentalen Platz ein, der im hektischen Online-Feed oft untergeht, und bricht längere Lesestrecken mit modularen Infokästen auf.

Chefredaktor Reza Rafi verspricht eine klare Zäsur: Der erste Bund soll die Woche nicht nur rekapitulieren, sondern hintergründig einordnen und mit überraschenden Autorenstimmen anreichern. Neu stossen Kolumnisten wie der Kulturphilosoph Stefan Zweifel, der schillernde St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny und Beauty-Unternehmerin Alexandra Lüönd hinzu.

Chefredaktor Reza Rafi
Chefredaktor Reza Rafi
St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny
St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny
Stefan Zweifel

Eine besonders schwere Bürde lastet auf Blick-Sportchef Emanuel Gisi, schliesslich soll der zweite Bund mit über 30 Seiten das umfassendste gedruckte Sportangebot des Landes werden. Gisi betonte den Anspruch unmissverständlich: «Wenn in der Schweiz Sport gesagt wird, dann meint man immer auch Blick. Ab Januar beginnt das Sportwochenende bei uns bereits am Samstagmorgen – mit Analysen, Hintergründen und den Stimmen, die das Land bewegen.» Unterstützt wird er dabei unter anderem von Ex-Schiedsrichter Urs Meier, Spitzenfussballerin Ramona Bachmann und Spielerberater Sascha Fischer.

Blick-Sportchef Emanuel Gisi
Blick-Sportchef Emanuel Gisi

Was der Schritt für den Werbemarkt bedeutet

Dass Printtitel in den strategischen Mediaplänen vieler Agenturen und Grosskunden zunehmend an den Rand gedrängt werden, ist die harte ökonomische Realität. Umso bemerkenswerter war die prominente Präsenz namhafter Werbeauftraggeber im Zürcher «Terrasse».

Ringier-Advertising-Chef Thomas Passen nutzte die Gunst der Stunde, um den Neuanfang mit handfesten Zahlen schmackhaft zu machen. Durch die Bündelung der Samstags- und Sonntagsleserschaft steige die Gesamtauflage rechnerisch um 59 Prozent, die Leserschaft um 46 Prozent. Da die Tarifstruktur auf dem bisherigen Niveau des SonntagsBlick eingefroren wird, sinkt der Tausend-Kontakt-Preis (TKP) für Inserenten rechnerisch um 32 Prozent. Passens Botschaft an die Werber: Das Magazin biete durch das zweitägige Lesezeitfenster am Wochenende längere Verweildauern und durch das weissere Papier ein spürbar edleres Umfeld für Markeninszenierungen.

Fazit

Ob der Blick fürs Wochenende ein Befreiungsschlag oder bloss das kunstvolle Hinauszögern eines schleichenden Print-Niedergangs ist, wird sich nicht an den Ankündigungen dieses Abends entscheiden, sondern am Kiosk und bei den Abonnenten. Die Marschrichtung stimmt: Statt mutlos Seiten wegzusparen, investiert Ringier in Haptik, Lesestoff und profilierte Stimmen. Wenn das gedruckte Wort eine Chance auf Überleben hat, dann genau so – mit dem unbedingten Willen zur journalistischen Qualität.

 

 


Die Fakten zum Wechsel: Das bringt der «Blick fürs Wochenende»

  • Erscheinungstermin & Zeitplan:

    Die letzte Ausgabe des SonntagsBlick erscheint am 27. Dezember 2026. Nach fast sechs Jahrzehnten wechselt der Erscheinungstag: Ab dem 9. Januar 2027 liegt der neue Blick fürs Wochenende jeweils bereits am Samstagmorgen im Briefkasten und am Kiosk.

  • Format & Umfang:

    Das bewährte, magazinartige Tabloid-Format bleibt erhalten, gedruckt wird neu auf hochwertigerem, weisserem Papier. Die Gesamtausgabe umfasst 96 Seiten, aufgeteilt in zwei Bünde:

    • Bund 1 (Einordnung & Gesellschaft): Recherchen, grosse Reportagen, Interviews, Analysen und Meinungsbeiträge. Neu als Kolumnistinnen und Kolumnisten dabei sind unter anderem Kulturphilosoph Stefan Zweifel, der St. Moritzer Gemeindepräsident Christian Jott Jenny sowie Beauty-Unternehmerin Alexandra Lüönd. Ergänzt wird der Bund durch Service-Rubriken zu Finanzen, Genuss und Freizeit.

    • Bund 2 (Sport-Fokus): Rund 30 Seiten bilden das laut Verlag umfassendste gedruckte Sportangebot der Schweiz – angereichert mit Hintergründen, Reportagen und Kolumnen von Spitzenfussballerin Ramona Bachmann, Schiedsrichter-Legende Urs Meier und Spielerberater Sascha Fischer.

  • Digitales Sportcenter als Brücke:

    Da Samstagsspiele und späte Resultate nicht vollumfänglich in den Druck einfliessen können, verzahnt Blick Print mit Digital: Ein erweitertes Sportcenter auf Blick.ch liefert Resultate, Liveticker und Bewegtbild in Echtzeit direkt aufs Smartphone.

  • Visuelles Konzept:

    Für den frischen Auftritt zeichnet Julie Body, AI Creative Director bei Ringier Medien Schweiz, verantwortlich. Das Design setzt auf eine modulare Struktur, grosszügigen Weissraum, klassische Typografie-Kontraste und eine bildstarke Bildsprache, um die Blick-DNA zeitgemäss weiterzuentwickeln.

  • Übergang für Abonnenten:

    Alle bisherigen Abonnentinnen und Abonnenten von Blick und SonntagsBlick erhalten den Blick fürs Wochenende ab Januar 2027 automatisch und ohne Unterbruch. Die Leserschaft wird in den kommenden Wochen persönlich über die Details informiert.

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