Kerry James Marshall zeigt, wie Narrative funktionieren

Rund 400 Gäste, «Fearless Elegance», DJ-Klänge, eine Cellistin – und ein Saxophonist, der klang, als hätte er Luft für drei Instrumente. Eingeladen hatten «Interview by Ringier» und das Kunsthaus Zürich zur Eröffnungsparty rund um Kerry James Marshall. Und plötzlich wurde ein Vernissage-Abend zur Lektion darin, wie Narrative entstehen – und warum sie wirken.

Der Rahmen war nicht bloss Ausstellung, sondern Bühne: Das Kunsthaus als Architektur-Statement, als Kulturraum – und an diesem Abend als Event-Maschine. Wer durch die Hallen ging, spürte schnell: Hier wird nicht nur Kunst gezeigt, hier wird Haltung sichtbar gemacht. Und genau da beginnt die Brücke zu m&k, unserer eigenen Medienmarke, mit dem Anspruch, die kreativen Seiten der Wirtschaft zu beleuchten.

Lohnenswert: Besuch der Ausstellung «The Histories» von Kerry James Marshall

Narrative: nicht nur Story, sondern System

In der Kommunikation wird «Narrativ» gern als eleganter Ersatz für «Story» verwendet. Dabei steckt mehr dahinter: Ein Narrativ ist kein einzelner Plot, sondern ein Sinn-Gerüst. Es legt fest, wer im Zentrum steht, was als normal gilt, welche Bilder sich festsetzen – und welche Stimmen überhaupt vorkommen. Kerry James Marshall arbeitet genau auf dieser Ebene. Seine Malerei ist nicht bloss Erzählung, sondern eine Art Korrekturprogramm für das, was westliche Bildgeschichte über Jahrzehnte als «Rand» behandelt hat.

Stilvolle Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier mit Celistin und Kunst

«Verführerisch und komplex» – die Logik der Wirkung

Ann Demeester, Direktorin des Kunsthauses, umriss an diesem Eröffnungsabend Marshalls Kunst als seltene Kombination: visuell attraktiv – und inhaltlich extrem kompliziert. Dieses Spannungsfeld sei das Faszinierende: verführerisch und komplex zugleich. Genau in dieser Dualität liegt ein Prinzip, das auch Marken kennen: Erst zieht etwas an, dann hält es einen fest. Erst Oberfläche, dann Substanz. Bei Marshall ist das keine Kampagnen-Mechanik, sondern Malerei – aber die Wirkungskurve ist verblüffend vergleichbar.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier: Treppen-Talk mit Susanne Walder, Michael Ringier, Kerry James Marshall und Ann Demeester, Direktorin Kunsthaus Zürich, ganz links im Interview

Geschichte in drei Teilen: Fakt, Fiktion, Fantasie

Marshall lieferte im O-Ton die Formel des Abends: Geschichte bestehe immer aus mindestens drei Teilen – Fakt, Fiktion, Fantasie. Und: Diese Schichten sorgten dafür, dass Geschichten nie endgültig auserzählt seien. Fürs Verständnis von Narrativen ist das zentral. Denn Narrative funktionieren nicht, weil sie «wahr» sind, sondern weil sie plausibel sind, anschlussfähig, wiederholbar – und weil sie Raum lassen für Projektion. Im Talk bat Marshall sinngemäss darum, über Schönheit und Oberfläche hinauszugehen – und wiederzukommen. Wiederholung als Teil der Erfahrung. Auch das ist Narrativ-Arbeit: Bedeutung entsteht nicht beim ersten Kontakt, sondern durch Reibung, Zeit und erneutes Hinschauen.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier – Kerry James Marshall

Repräsentation als Perspektivenwechsel

Susanne Walder, Chefredaktorin von «Interview by Ringier», brachte den Punkt auf die Ebene von Wirkung: Es gehe nicht nur um Ruhm, sondern um Menschen, die etwas verändern. Marshall mache sichtbar, was lange keinen Platz hatte – und verschiebe damit Blickwinkel.

Michael Ringier machte den kunsthistorischen Bruch im Talk mit einem Beispiel greifbar: Manets «Olympia» – die nackte weisse Frau im Zentrum, die schwarze Dienerin am Rand. So, sagte er sinngemäss, habe europäische Kunstgeschichte Afroamerikaner behandelt. Marshall setze neue Massstäbe, indem er schwarze Menschen ins Zentrum rücke – als «ganz normale Bürger». Nicht als Randfigur, nicht als Symbol, nicht als Staffage.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier mit u.a. Michel Péclar, Gastronom

Und genau hier zeigt sich, wie Narrative funktionieren: Sie definieren Normalität. Sie entscheiden, wer als Protagonist gilt – und wer als Hintergrundrauschen. Marshall dreht das um, ohne zu dekorieren und ohne zu entschuldigen. Grossformatig, konsequent, wiederholbar.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier – Susanne Walder übergibt Kerry James Marshall die neuste Ausgabe von Interview by Ringier

«Learning by Drinking» – der Reality-Check für Geschmack

Ringier lieferte zudem das Zitat des Abends für alle, die gern so tun, als sei Kunstverständnis ein Geheimcode: Beim Wein helfe «Learning by Drinking» – und in der Kunst sei es genauso. Man müsse schauen, schauen, schauen. Auch das passt zur Narrativ-Frage: Wer Narrative lesen will, braucht Exposition. Wiederholung. Vergleich. Es ist weniger «Erklärung» als Erfahrung.

Spannend: Marietta Kiptalam, Artistin und Model über Ihre Empfindungen beim Betrachten der Werke von Kerry James Marshall

«Interview by Ringier» als Plattform: Kultur wird Gespräch

Dass dieser Abend nicht nur vom Kunsthaus getragen wurde, sondern auch von «Interview by Ringier», ist mehr als ein Co-Hosting-Detail. Das Magazin nutzt Kulturereignisse als Anlass, um Fragen zu stellen und Perspektiven zu öffnen – im Saal, auf der Bühne, im Gespräch. Und es bringt dafür auch Reichweite mit: Laut den Angaben rund ums Format liegt «Interview by Ringier» bei über 300’000 Reichweite und einer Auflage von gegen 90’000. Entsprechend sitzt im Raum nicht nur Kunstpublikum, sondern ein Querschnitt aus Medien, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft – genau jenes Milieu, in dem sich Narrative verbreiten, verdichten und später in andere Kontexte weiterwandern.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier – Susanne Walder, Chefredakteurin Interview by Ringier

Soundtrack einer Inszenierung: DJ, Cello und ein Saxophon mit Überdruck

Und dann war da diese zweite Erzählschicht: die Atmosphäre. DJ-Klänge, die durch den Neubau schnitten. Eine Cellistin als Gegenpol. Und ein Saxophonist, der klang, als könnte er drei Saxophone gleichzeitig atmen. Musik als Taktgeber, Architektur als Resonanzraum, Menschen als bewegtes Bild. Das alles ist nicht bloss «Party». Es ist Dramaturgie. Es ist die Kunst, einen Moment so zu setzen, dass er hängen bleibt – und später weitererzählt wird. Genau dort trifft Kultur auf Kommunikation: Nicht jedes Event ist ein Narrativ. Dieser Abend war eines.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier – D-Jane beim Interview

Warum das in m&k Platz hat

m&k ist nicht in erster Linie ein Kunstblatt. Aber Kommunikation lebt davon, sich andere Disziplinen auszuleihen, wenn sie Dinge besser können: Komplexität ohne Erklärzwang auszuhalten. Repräsentation nicht als Trend zu behandeln, sondern als Verantwortung. Narrative so zu bauen, dass sie nicht nach dem ersten Blick fertig sind. Kerry James Marshall zeigt, wie das geht: mit Bildern, die gross sind – und mit einem Narrativ, das grösser ist als die Oberfläche.

Late Vernissage Kunsthaus Zürich x Interview by Ringier – Ladina Heimgartner, CEO Ringier
Sehenswert: «The Histories» von Kerry James Marshall im Kunsthaus Zürich

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