Der FCZ und die offene Flanke

Der FC Zürich steckt in einer Imagekrise. Präsident Ancillo Canepa hat sie selbst benannt und mit der Verpflichtung von Sportchef Milos Malenovic verknüpft. Doch wer die Ursachen verstehen will, muss hinter das Ereignis blicken – auf strukturelle, kommunikative und markenstrategische Bruchlinien.

Der Abgang von Milos Malenovic war laut und letztlich unausweichlich. Und doch erklärt er nur einen Teil dessen, was den FC Zürich im Winter der Saison 2026/2025 beschäftigt. Denn die eigentliche Frage lautet nicht, warum diese Zusammenarbeit gescheitert ist – sondern warum sie in dieser Form überhaupt entstehen konnte.

Genau hier beginnt die Geschichte hinter der Imagekrise. Sie handelt weniger von einer Person als von einem System, in dem Führung, Organisation und Kommunikation zunehmend auseinanderdrifteten. Von einem Klub, der sportlich funktionieren wollte, ohne seine Marke mitzudenken. Und von einer offenen Flanke, die nicht auf dem Spielfeld entstand, sondern im Zusammenspiel von Macht, Erwartung und mangelnder Einordnung.

Wenn Vertrauen zur Währung wird

Der Transfer von Benjamin Mendy hat diese fragile Lage beschleunigt. Er wirkte wie ein Brandbeschleuniger in einem Umfeld, das ohnehin unter Spannung stand. Nicht, weil Fussball moralisch sein müsste – sondern weil Marken auf Vertrauen beruhen. Und Vertrauen entsteht nicht in Grundsatzdebatten, sondern im Alltag: bei Fans, Partnern, Sponsoren und Mitarbeitenden.

Um die Tragweite dieses Entscheids zu verstehen, braucht es den Kontext: Der französische Fussballspieler Benjamin Mendy war in England in mehreren Fällen wegen Vergewaltigung und sexueller Nötigung angeklagt. Die Vorwürfe bezogen sich auf mutmassliche Taten zwischen Oktober 2018 und August 2021, vorgebracht von mehreren Frauen. In Gerichtsverfahren wurde Mendy 2023 von einer Jury von sämtlichen Anklagepunkten freigesprochen. Die Verteidigung argumentierte erfolgreich, dass alle sexuellen Kontakte einvernehmlich gewesen seien. Juristisch gilt Mendy damit als unschuldig.

Genau hier lag jedoch die kommunikative Herausforderung für den FCZ. Der Klub verpflichtete keinen Spieler mit sportlichen Fragezeichen, sondern einen Spieler mit einer hoch aufgeladenen öffentlichen Vorgeschichte. Damit wurde ein sportlicher Entscheid zwangsläufig zu einem Markenthema. Nicht wegen des Urteils, sondern wegen der Wahrnehmung. Und weil es dem FCZ nicht gelang, diesen Transfer frühzeitig, klar und glaubwürdig in eine eigene Haltung einzubetten, geriet der Verein in einen defensiven Erklärungsmodus.

In einer Phase, in der der Klub ohnehin nach Orientierung suchte, verstärkte der Mendy-Transfer das Gefühl, dass sportliche Ambition, Organisationskultur und Aussenwirkung nicht mehr im Gleichklang liefen. Die offene Flanke lag damit weniger im Strafraum als im Selbstverständnis des Vereins.

Hinter dem Ereignis: Warum das Scheitern systemisch ist

Der Bruch mit Malenovic war unausweichlich. Aber er erklärt nichts. Denn die eigentliche Frage lautet: Warum konnte ein Stil, der intern wie extern polarisiert, überhaupt so wirksam werden?

Hier beginnt der Blick hinter die Kulissen. Der FCZ ist über Jahre stark von einzelnen Figuren getragen worden – finanziell wie operativ. Das hat Stabilität ermöglicht, aber auch Abhängigkeiten geschaffen. Entscheidungen wurden möglich, ohne zwingend in ein übergeordnetes Narrativ eingebettet zu sein. In solchen Konstellationen wird Führung schnell zu Macht – und Kommunikation zu Rechtfertigung. Genau hier öffnet sich die Flanke. Nicht links, nicht rechts auf dem Platz, sondern dort, wo Anspruch und Erklärung nicht mehr deckungsgleich sind.

Führung heisst heute: erklären können

Moderne Fussballklubs funktionieren nicht mehr als Einmannzentralen. Sie sind komplexe Organisationen, in denen sportliche, wirtschaftliche und kommunikative Entscheidungen zusammenwirken. Wer intern nicht sauber trennt, kann extern nicht sauber erklären.

Deshalb geht es beim FCZ nicht um neue Köpfe allein, sondern um Architektur. Um ein Führungsmodell, das Verantwortung verteilt, Kompetenzen klar zuordnet – und dadurch Ruhe erzeugt. Internationale Vorbilder setzen längst auf Leadership-Teams statt auf allmächtige Sportchefs. Nicht aus Modegründen, sondern aus Notwendigkeit. Für einen Klub mit der Strahlkraft des FCZ ist das keine Management-Spielerei, sondern Markenarbeit. Ein Klub, der erklären kann, warum er etwas tut, wird anschlussfähig. Für Sponsoren. Für Fans. Für Talente.

Der Tararache-Moment – warum Erfahrung Talent besser macht

Mihai Tararache stiess 2004 zum FC Zürich. Ablösefrei von den Grasshoppers. Auf dem Papier ein unspektakulärer Transfer – in der Wirkung ein Glücksfall. Tararache war kein Lautsprecher, kein Symbolspieler, kein Marketingmoment. Er war etwas viel Selteneres: ein Mittelfeldspieler mit Ordnungssinn, der ein Team nicht nur stabilisierte, sondern besser machte.

Seine Stärke lag weniger im Einzelmoment als im Dazwischen: in der Positionierung, im Timing, in der Klarheit seiner Entscheidungen. Hohe Ballsicherheit, kompromisslose Balleroberung, Spielintelligenz, Autorität – und eine Aggressivität, die nie hektisch wirkte, sondern strukturierend. Tararache nahm dem Spiel Zeit, wenn es Zeit brauchte. Und gab Tempo frei, wenn andere noch sortierten.

Vor allem aber schuf er Verlässlichkeit. An seiner Seite konnten sich Spieler wie Blermin Dzemaili oder Xavier Margairaz entfalten, weil sie wussten, dass hinter und neben ihnen jemand spielte, der Räume schloss, Risiken abfederte und Verantwortung übernahm. Tararache war kein Mentor im pädagogischen Sinn – er war ein Referenzpunkt auf dem Platz. Einer, an dem sich Spielintelligenz orientieren konnte.

Dass der FCZ in dieser Phase nicht nur Meister wurde, sondern Spieler entwickelte, die später internationale Karrieren einschlugen, war kein Zufall. Es war das Resultat einer Achse, die Erfahrung nicht als Gegengewicht zu Talent verstand, sondern als dessen Verstärker.

Die Parallele zur Gegenwart ist offensichtlich – nicht aus Nostalgie, sondern aus Logik. Der FCZ verfügt heute erneut über eine bemerkenswerte Generation junger Spieler. Sie tragen früh Verantwortung, prägen Spiele, stehen im Fokus. Genau deshalb braucht es Spieler, die nicht selbst noch suchen, sondern setzen. Die wissen, wann ein Risiko nötig ist – und wann nicht. Tararache war kein Effekt. Er war ein Spieler, der andere Spieler besser machte. Und genau dieser Typ entscheidet darüber, ob Talent wächst oder stagniert.

Kaderplanung beginnt im Winter

In diesem Licht wird Kaderplanung zur Führungsfrage. Nicht erst im Sommer, wenn Märkte überhitzt sind und Optionen schrumpfen, sondern im Winter, wenn Richtung gesetzt wird. Wer Jugend wirklich fördern will, muss ihr Halt geben. Nicht auf der Bank, sondern im Zentrum des Spiels. Dass unter Milos Malenovic sämtliche Talente frühzeitig mit Verträgen über zwei bis vier Jahre ausgestattet wurden, gehört dabei zur fairen Bilanz. Diese Planungssicherheit ist ein Wert – sportlich wie wirtschaftlich. Sie verschafft Zeit. Aber Zeit allein löst keine strukturellen Fragen.

Daten, KI – und die neue Nüchternheit im Fussball

Wenn Budgets unter Druck geraten, werden Fehlentscheide teuer. Deshalb ist Technologie im modernen Klub kein Innovationsspielzeug mehr, sondern Risikomanagement. KI im Scouting, in der Belastungssteuerung, in der Analyse – all das dient einem Ziel: weniger Zufall, mehr Präzision. Clubs wie Sevilla oder Ajax zeigen, wie datenbasierte Systeme helfen können, Entscheidungen zu objektivieren. Für den FCZ wäre das kein Bruch mit seiner DNA, sondern deren Weiterentwicklung: Talent erkennen, schützen, entwickeln – systemisch statt intuitiv.

Marke ist kein Claim, sondern Verhalten

Am Ende führt alles zurück zur Marke. Der FC Zürich ist mehr als ein Sportbetrieb. Er ist Stadtclub, Projektionsfläche, Identifikationsort. Genau deshalb wirkt Unklarheit hier stärker als anderswo.

Marken werden heute nicht geglaubt, weil sie etwas behaupten, sondern weil sie konsistent handeln. Reward-Logiken, Nachhaltigkeitsstrategien, Frauenfussball – all diese Themen zahlen nur dann ein, wenn sie nicht als Zusatz, sondern als Ausdruck einer Haltung verstanden werden.

Gerade der Frauenfussball zeigt, welches Potenzial hier liegt. Der FCZ war Pionier. Nun muss er professionalisieren. Nicht aus Imagegründen – sondern weil Glaubwürdigkeit aus Konsequenz entsteht.

Die Flanke schliessen

Das Scheitern mit Milos Malenovic war kein Betriebsunfall. Es war ein Warnsignal. Die offene Flanke des FC Zürich ist kein taktisches Detail. Sie ist das Resultat von Unschärfe zwischen Führung, Kommunikation und sportlicher Achse. Wer sie schliessen will, benötigt mehr als neue Namen. Er braucht Klarheit und endlich wieder einen Leibchensponsor…

 

More articles on the topic