Warum Wirtschaft dienen muss
Der Ethik- und Kommunikationsexperte Dr. Stephan Feldhaus plädiert dafür, die Wirtschaft nicht als eigenständige Entität misszuverstehen. Vielmehr sei sie ein Vehikel, das dem Wohlbefinden der Menschen dienen müsse. Gerade Führungskräfte stünden hier in der Pflicht.
U nternehmensethik beschäftigt sich als Teil der Wirtschaftsethik mit der Frage der Verantwortung von Unternehmen für die Individuen, die Gesellschaften und die Umwelt. Es geht immer zugleich um individuelle, soziale und ökologische Verantwortung. Peter Ulrich hat in diesem Zusammenhang in seinen wirtschaftsethischen Entwürfen den Begriff der «lebensdienlichen Ökonomie» geprägt. Das ökonomische Handeln des Menschen hat keinen Selbstzweck und folgt keinen inhärenten Gesetzmässigkeiten, sondern dient immer der Erfüllung von Zielen, die Einzelne oder Gruppen für sich selbst oder andere setzen.
Dazu passt es, wie wir gemeinhin Wirtschaft definieren. Im ursprünglichen Sinn beschreibt der Begriff Wirtschaft nämlich alle personellen und materiellen Aufwendungen und Erträge, die dazu dienen, den Unterhalt des Menschen zu sichern – zum Beispiel mittels Jagd, Ackerbau oder Handel und Gewerbe. Im modernen Sinne ist Wirtschaft oder Ökonomie die Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung der Nachfrage, also der Befriedigung der Bedürfnisse aller einzelnen Menschen dienen. Zu den wirtschaftlichen Einrichtungen gehören Unternehmen sowie private und öffentliche Haushalte. Zu den Handlungen des Wirtschaftens zählen alle menschlichen Aktivitäten, die mit dem Ziel einer bestmöglichen Bedürfnisbefriedigung planmässig und effizient über knappe Ressourcen entscheiden. Die Notwendigkeit zum Wirtschaften ergibt sich aus der Knappheit der Güter einerseits und der Unbegrenztheit der menschlichen Bedürfnisse andererseits.
Im ganz ursprünglichen wie im modernen Sinn hat also alles wirtschaftliche Handeln letztlich einen «dienenden» Charakter. Menschen setzen ökonomische Prozesse ein, um selbst gesetzte Ziele zu erreichen. Wäre es nicht also völlig legitim, zu sagen: «Eine Wirtschaft, die nicht dient, dient zu nichts!»?
Doch an eine dienende Funktion der Wirtschaft denkt heute wohl niemand, wenn wir im allgemeinen Sprachgebrauch von «der» Wirtschaft reden. «Die Steuerreform schadet der Wirtschaft», «Die Wirtschaft benötigt einen flexiblen Arbeitsmarkt» oder «KI – richtig eingesetzt – stärkt die Wirtschaft»: Man kann heute leicht den Eindruck gewinnen, «die» Wirtschaft existiere als eigenständige Grösse mit eigenen Erwartungen und Bedürfnissen; und mehr noch, die Menschen seien für die Wirtschaft da und nicht umgekehrt. Wir reden von «der» Wirtschaft, als hätten die Menschen die Bedürfnisse der Wirtschaft zu erfüllen, ihr zu «dienen».
Das «magische Dreieck»
In den Debatten über Nachhaltigkeit sprechen wir gar von einem «magischen Dreieck» und setzen – neben «Gesellschaft» und «Umwelt» – «die Wirtschaft» als eigenständige Zielgrösse. Völlig gleichberechtigt treten neben soziale und ökologische Ziele und Erfordernisse rein ökonomische Ziele und Erfordernisse. Damit suggerieren wir, dass es vom Menschen unabhängige, in sich gegebene Gesetzmässigkeiten gebe, die es mit den Erfordernissen der Gesellschaft und den Bedingungen der Umwelt auszutarieren gelte.
Wenn wir aber «die» Wirtschaft als eigenständige Grösse konstruieren, die ganz eigenen innewohnenden Zielen folgt, verlieren wir mehr und mehr aus den Augen, dass die Wirtschaft mit all den ökonomischen Prozessen und Gesetzmässigkeiten lediglich ein Mittel ist, mit dem wir die von uns selbst gesetzten Ziele zu erreichen suchen. Und diese individuellen, gesellschaftlichen oder unternehmerischen Ziele müssen wir Menschen als Konsumenten oder Produzenten, als Private oder als politisch oder unternehmerisch Verantwortliche selbst definieren, die Ziele gibt uns «die» Wirtschaft nicht vor.
Zielvorgaben sind menschlich
Ob und wie stark beispielsweise der Umsatz eines Unternehmens steigen soll und der zu erzielende Gewinn prozentual noch stärker steigen soll, sind Ziele, die die Personen, die in einem Unternehmen Führungsverantwortung tragen, definieren und festsetzen. Für diese Ziele mag es plausible Gründe geben und es mag Menschen geben, die diese Gründe bezweifeln und andere Ziele für angemessener erachten. In der Regel folgt die Zielfestsetzung einem unternehmensinternen Diskussions- und Abwägungsprozess. Es gibt keine «Wirtschaft», die als externe übergeordnete Instanz ein solches Ziel fordert oder bestimmt.
Es geht hier nicht um eine grundsätzliche Wachstumskritik. Aber es geht darum, zu verstehen, dass jede Verselbständigung von scheinbar ehernen wirtschaftlichen Gesetzen genau die aus dem Blick verlieren, um die es eigentlich geht: um die Menschen, und zwar um die Menschen, die die einzelnen Ziele festsetzen, und die Menschen, die von diesen Zielen betroffen sind. Die Ziele, auch die Wachstumsziele, die man mittels wirtschaftlicher Prozesse erreichen will, müssen so gesetzt sein, dass sie den Menschen dienen.
Ich halte es für ein grosses Problem, dass wir das Definieren und Festsetzen von wirtschaftlichen Zielen im unternehmerischen wie im gesamtwirtschaftlichen Kontext immer mehr ganz wenigen Einzelnen überlassen. Wenn wir uns aber als Einzelne und als Gesellschaft immer weiter von dieser Aufgabe verabschieden, dürfen wir uns nicht wundern, wenn das wirtschaftliche Geschehen auch von Einzel- und Partikularinteressen beherrscht wird. Dann ist auf einmal die Wirtschaft nicht mehr zur Befriedigung der Bedürfnisse der Einzelnen und der gesellschaftlichen Erfordernisse da, sondern der Mensch zur Befriedigung der vermeintlichen Bedürfnisse der Wirtschaft. Wenn aber Einzelinteressen die Oberhand gewinnen, individualisieren wir die Gewinne und sozialisieren die Verluste.
Wirtschaftsethisch gesehen, kann es nur darum gehen, dass alle Normen, Gesetze und Regeln sowie alle von Menschen geschaffenen Systeme, Organisationen und Institutionen im Letzten den einen Hauptzweck haben, nämlich das Leben des Menschen (als Einzelner sowie in seinen sozialen und Umweltbezügen) gelingen zu lassen.
Verantwortung des Leadership
Verantwortung ist gerade in diesem wirtschaftsethischen Kontext ohne Zweifel zu einer gesellschaftspolitischen Schlüsselkategorie unseres gegenwärtigen Selbstverständnisses geworden. Die Forderung nach mehr Verantwortung findet sich ebenso wie die Klage über den Mangel an derselben in nahezu jeder Stellungnahme zu den Entwicklungsständen moderner Zivilisation. Welche spezielle Verantwortung kommt also in einem «lebensdienlichen» Verständnis von Wirtschaft den Personen zu, die in den wirtschaftlichen Handlungen und Institutionen eine Führungsaufgabe übernehmen?
Aus meiner Sicht kommt im wirtschaftlichen Kontext den Führungspersonen eine vierfache Verantwortung zu: Zunächst einmal tragen Führungskräfte eine übergeordnete ethisch-integrative Verantwortung für das Gelingen des Ganzen. Zudem tragen sie, ethisch betrachtet, eine implementäre, komplementäre und innovative Verantwortung. Was meint dies im Einzelnen?
Integrative Verantwortung …
Die integrative Verantwortung von Führungspersonen meint die Einbeziehung ethischer Überlegungen in das wirtschaftliche Handeln von Anfang an. Dies bedeutet, dass ethische Prinzipien und Werte in alle Aspekte des Geschäftsbetriebs integriert werden, einschliesslich der Strategiesetzung, der Entscheidungsfindung, der Unternehmenskultur, die ethisches Verhalten fördert, der Beziehungen zu Stakeholdern und der verantwortungsvollen Geschäftspraktiken.
Es gilt, eine klare Vision und Mission für den mittel- und langfristigen Erfolg zu entwickeln, über die Festlegung von Richtlinien und Standards einen verbindlichen ethischen Rahmen zu schaffen sowie Vertrauen und Transparenz mit allen Stakeholder-Gruppen aufzubauen. Handlungsleitend sollte die Grundüberzeugung sein, dass Normativität nicht die «Kehrseite» der ökonomischen Rationalität darstellt, sondern deren Fundament, und dass es keinen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ethik gibt.
Am Beginn einer integrativen Einbeziehung von ethischen Überlegungen in das wirtschaftliche Handeln steht die persönliche Überzeugung der Führungspersonen. Sie beeinflussen stark den Grundcharakter eines Unternehmens und prägen das Verhalten. Kraft ihrer Autorität, sei sie nur aus der hierarchischen Stellung oder auch aus ihrer Persönlichkeit geboren, prägen die Führungspersonen mit ihren Einstellungen und Werten die gesamte Einrichtung. Wie ist der «Stil» der Führung? Für welche Aufgaben nimmt sich die Führungsperson wie viel Zeit? Worüber äussert sie sich bewundernd oder verächtlich? Durch nonverbale Kommunikation kann eine Führungsperson signalisieren, ob er respektive sie tatsächlich hinter den Ideen, Zielen und Aufgaben steht. Das persönliche Vorbild der Führungsperson ist «kulturbestimmend» und es gibt Erfahrungen, dass eine «Kulturrevolution» allein durch den Austausch von Führungspersonen möglich ist.
Die Wahrnehmung integrativer Verantwortung setzt dabei freilich ein ganzes Bündel an Fähigkeiten und Kompetenzen voraus: Neben exzellenter technischer Fach- und Beurteilungskompetenz müssen Führungskräfte über ein hohes Mass an emotionaler Intelligenz und Sozialkompetenz verfügen. Dies bedeutet sowohl die Fähigkeit zur Persönlichkeitsentwicklung und Selbstreflexion, zu ethischer Sensibilität sowie zur Unterscheidung des lediglich Effizienten und des tatsächlich Relevanten. Dialog- und Konfliktfähigkeit sowie ein Höchstmass an Kommunikationskompetenz runden das Profil ab.
… implementäre Verantwortung …
Führungspersonen haben zudem in Bezug auf die jeweils geltende Rahmenordnung eine ethisch-implementäre Verantwortung wahrzunehmen, das heisst, sie müssen den durch die Rahmenordnung gesetzten Regelungen in ihren einzelnen Handlungen entsprechen. Hier geht es also um grundsätzliche Regelkonformität. Illegale Handelsbeziehungen, Bestechung, Korruption, Steuerhinterziehung, unlauterer Wettbewerb, Preisabsprachen, Lohndumping, soziale und individuelle Ungleichbehandlungen sowie Umweltvergehen verstossen nicht nur gegen bestehende Rahmenordnungen, sondern stellen zugleich ethische Verfehlungen dar.
… komplementäre Verantwortung …
Über die regelkonforme Befolgung und Umsetzung der geltenden Rahmenordnungen hinaus haben Führungspersonen eine ergänzende ethisch-komplementäre Verantwortung wahrzunehmen, d.h. sie müssen von sich aus das aktiv und selbstständig an ethischen Erfordernissen einbringen, was auf der Linie der Rahmenordnung liegt, aber von ihr selbst nicht zureichend allgemeinverbindlich definiert und geregelt werden kann. Hier geht es um eine beständige Verbesserung der bestehenden Rahmenordnungen und/oder um unternehmens- oder branchenspezifische Ergänzungen. Dies kann durch kodifizierte Branchenvereinbarungen als ethisch qualifizierte kollektive Selbstbindung von Unternehmen ebenso geleistet werden wie durch individuelle ethische Selbstbindung von Unternehmen in der Form der Fixierung von unternehmensethischen Grundsätzen, von Verhaltenskodizes oder Firmenleitlinien. In diesem Zusammenhang sollten sich Führungspersonen insbesondere im Konfliktfall der öffentlichen Diskussion mit ihren Stakeholder-Gruppen stellen.
… und innovative Verantwortung
Nochmals darüber hinaus haben Führungspersonen eine ethisch-innovative Verantwortung wahrzunehmen, sprich, sie können sich über das Befolgen sowie Verbessern und Ergänzen der Rahmenordnungen, Regelungen und Vereinbarungen hinaus in ihrem wirtschaftlichen Handeln und Entscheiden von ethischen Prinzipien leiten lassen, die nicht oder noch nicht für alle wirtschaftlichen Akteure gleichermassen, beispielsweise über Rahmenordnungen oder Branchenverpflichtungen, geltend gemacht wurden, sei es in der Produktpolitik, sei es in der Personalpolitik oder sei es selbst in konkreten und keineswegs immer erfolglosen Anmahnungen ordnungspolitischer Korrekturen.
Damit kann eine ganze Palette an Einzelmassnahmen gemeint sein: Umweltschonende Produktionsverfahren oder die Reduzierung von Abfall und Emissionen beispielsweise oder Produkte und Dienstleistungen, die ökologisch verträglicher sind, die den sozialen Ausgleich fördern oder einen gerechteren Zugang zu Gesundheits- und Bildungsleistungen bewirken, werden ja nicht in Umwelt- bzw. Sozialbehörden entwickelt, sondern in unternehmerischem Auftrag in Betrieben und Unternehmen. Auch die innerbetriebliche Organisation, die von flexiblen Arbeitszeiten und -orten über die Ermöglichung beruflicher Weiterbildung und Qualifizierung für die Mitarbeitenden bis hin zur Errichtung von Betriebskindergärten reicht, ist eine eigenständige Aufgabe und Leistung der einzelnen Unternehmen und ihrer Leitungsverantwortlichen.
Die ethische Verantwortung von Führungspersonen im Kontext einer «lebensdienlichen» Wirtschaft ist hoch. Aber der Einsatz lohnt sich: Ethisches Verhalten zahlt sich auch ökonomisch mittel- und langfristig aus. Nur kurzfristig kann die Person, die im sogenannten Gefangenendilemma ausweicht und sich nicht an die vereinbarten und für alle geltenden Regeln hält, für sich den Nutzen maximieren. Mittel- und langfristig kann man Nutzen nur durch ethisch verantwortbares Handeln optimieren.
«Wäre es also nicht völlig legitim, zu sagen: ‚Eine Wirtschaft, die nicht dient, dient zu nichts!‘?»
«Man kann heute leicht den Eindruck gewinnen, ‚die‘ Wirtschaft existiere als eigenständige Grösse mit eigenen Erwartungen.»
Zum Autor
Dr. Stephan Feldhaus ist ein national wie international renommierter Kommunikationsexperte und Ethiker. Er war bis 2019 Leiter Group Communications und Mitglied der erweiterten Konzernleitung der F. Hoffmann-La Roche AG und führt seither die von ihm gegründete Beratungsfirma Feldhaus&Partner in Basel. Daneben ist er – unter anderem – Präsident des Verwaltungsrats der Viollier AG sowie Kommissionspräsident des Antikenmuseums Basel und der Sammlung Ludwig. Der promovierte Theologe engagiert sich ausserdem als Diakon der Christkatholischen Kirche der Schweiz.
«Es geht hier nicht um eine grundsätzliche Wachstumskritik. Es geht darum, die Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren.»
«Wenn Einzelinteressen die Oberhand gewinnen, individualisieren wir die Gewinne und sozialisieren die Verluste.»
«Führungspersonen tragen im wirtschaftlichen Kontext eine vierfache Verantwortung.»
«Ethisches Verhalten zahlt sich auch ökonomisch mittel- und langfristig aus.»
