Wertfrei gibt es nicht

Kolumne Wer gut schreibt, muss einen Standpunkt einnehmen und werten. Nur schlechte Schreiberinnen und Schreiber übernehmen den Standpunkt der Informanten und Akteure.

 
Kolumne Wer gut schreibt, muss einen Standpunkt einnehmen und werten. Nur schlechte Schreiberinnen und Schreiber übernehmen den Standpunkt der Informanten und Akteure. 
Politiker und Politikerinnen verlangen es, Verleger versprechen es, Medienschaffende sollen es leisten – objektiven Journalismus. Facts und Meinung trennen, so heisst die Grundregel. Angel- sächsischer Journalismus soll das sein. Am weitesten trieb es unlängst die Gratiszeitung .ch, sie behauptet, sie sei eine wertfrei berichtende Nachrichten-, Sport- und Servicezeitung. Welch ein Irrtum: Wer gut schreibt, muss einen Standpunkt einnehmen, und das heisst werten. Nur schlechte Schreiberinnen und Schreiber übernehmen den Standpunkt der Akteure oder der Auftraggeber oder noch schlimmer, sie verwischen die Zusammenhänge.Machen wir die Probe bei einer Polizeinachricht. Der Einfachheit halber entfernen wir lokale Details, zum Beispiel Strassennamen und Altersangaben.
Am ersten Novembersonntag titelte der Medienschreiber der Stadtpolizei Winterthur: Tragischer Verkehrsunfall. «Tragisch» tönt zumindest dramatisch, nur hat die Leserin/der Leser nach der Lektüre noch keinen Schimmer einer Information. Der Medienverantwortliche schrieb weiter: «In der Nacht vom Samstag auf den Sonntag kam es um zwei Uhr zu einem Verkehrsunfall mit Todesfolge.» Kam es? Einfach so? Schlugen die Schicksalsgöttinnen zu oder Hegels Weltgeist oder ein Windsturm? Der Medienverantwortliche fuhr fort, dass ein Autofahrer in Richtung X gefahren sei. «Er übersah eine Frau, die die Strasse von links nach rechts auf dem Fussgängerstreifen überquerte.» Woher weiss der Schreiber, dass der Autofahrer die Frau «übersehen» hat? Wäre ja auch möglich, dass sich der Lenker aus Wut über die sein eiliges Vorwärtskommen störende Fussgängerin nicht abbremsen wollte, nach dem Motto: Die kann ja zur Seite rennen, wenn sie will. Der Mediensprecher hat die Sicht des Täters übernommen. Das Opfer konnte dazu nichts mehr sagen, es starb vier Stunden später im Spital. «Der Autolenker war alkoholisiert und verhielt sich auf der Unfallstelle derart renitent, dass er in Handfesseln gelegt werden musste.»
Zwischenfazit: Drei wichtige Informationen – tote Fussgängerin, Autofahrer fährt besoffen und randaliert nach dem Unfall – kommen beiläufig und erst gegen Schluss der Meldung. Es ist, als ob der Mediensprecher die Schuld von Unfallverursachern kleinschreiben will. Wie man dies in Polizeimeldungen immer wieder beobachten kann.
Drei Tageszeitungen (Landbote, Tages-Anzeiger, NZZ) übernehmen die Meldung der Winterthurer Stadtpolizei und damit den verschleiernden Grundton, nur die NZZ erwähnt bereits im Untertitel den «betrunkenen Lenker». Nur, wie hätte man die Geschichte auch schreiben können?
Titel: Besoffener tötet Fussgängerin und randaliert. Text: Ein alkoholisierter Automobilist fährt nachts um zwei Uhr auf einem Zebrastreifen in eine Fussgängerin. Das Opfer bleibt bewusstlos liegen und stirbt vier Stunden später im Spital. Der Unfallverursacher widersetzt sich renitent den Polizisten, bis sie ihn in Handschellen legen.
Die Fakten bleiben, doch wir nennen diesmal auch einen Täter. Ein zweites Beispiel: «Im Konsumrausch tappen immer mehr Leute in die Schuldenfalle», beginnt eine sda-Meldung über die gestiegene Zahl der «Privatpleiten». Wertfrei berichtet? Noch nie etwas gehört von Working poor und Geldmangel im Alter, da AHV und Pensionskassenrente nicht ausreichen, vor allem nicht, wenn noch eine überraschende Notausgabe dazukommt? Da schafft man einen Privatkonkurs locker, auch ohne «Konsumrausch». Der sda-Schreiber reproduziert mit seinem flapsigen Anfangssatz die Vorstellungen jener Neoliberalen, welche die Schuld für wirtschaftliches Scheitern den Schwachen zuschieben.
Und zum Schluss: Ein Glas ist zu fünfzig Komma null Prozent gefüllt. Ist es halb leer? Oder halb voll?
> Hans Stutz ist ehemaliger Chefredaktor des Medienmagazins Klartext und freier Journalist.

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