Mit Ironie aus der Erklärungskrise

Das ganze Finanzdebakel hatte System und war folglich vorhersehbar – oder wäre vielmehr vorhersehbar gewesen, wenn sich die Medien der Thematik mit genügend Beharrlichkeit und kritischer Distanz gewidmet hätten. Gastkommentar von Oliver Classen, Pressesprecher bei der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern und ehemaliger Medienredaktor der Werbewoche.

Die vertrackte Dynamik des globalen Bankenkollapses überfordert neben Wirtschaft und Politik auch die Medien. Vor 20 Jahren wurde noch das Ende der Geschichte kolportiert, jetzt mokiert man sich kollektiv über die Ironie der Geschichte. Und versucht damit eigenes Versagen zu kaschieren.
Allmählich wirds ernst. Die Einschläge kommen näher, das Reduit wackelt, eine währschafte Rezession steht vor der Tür von Herrn und Frau Schweizer. Die Zeitungen liefern täglich neue Zahlen, Zeichen und Zitate, die zeigen, dass die sich von der Wall Street konzentrisch ausbreitenden Krisenkreise nächstens auf helvetisches Kernland treffen werden. Dabei ist inflationär von Ironie die Rede. Die Palette reicht von Leserbriefen («Dass mir mein UBS-Berater damals riet, die Swissair-Aktien zu behalten, tönt heute wie Ironie des Schicksals.») über Kolumnen («Die beissendste Ironie der Krisengeschichte: Finanzminister Paulson hat als Investment-Banker Millionen gescheffelt.») bis zum Magistraten-Interview («Der Bundesrat hat eine Gesamtverantwortung und muss handeln, auch wenn das angesichts der Überheblichkeiten einzelner Manager bittere Ironie ist.»).
Die öffentliche Umwertung aller Werte zeitigt also allerlei doppelbödigen Spott und offene Häme, auch in Schweizer Redaktionsstuben. Spätestens seit Thomas Mann wissen wir aber: «Wer ironisiert, macht aus einer Not eine Überlegenheit.» Mutter aller Ironien ist also die Tatsache, dass die Finanzkrise auch eine Medienkrise ist. Plötzlich erfahren wir detailliert, was publizistische Marktbeobachter längst hätten bemerken müssen: Das ganze Debakel hatte System und war folglich vorhersehbar – oder wäre vielmehr vorhersehbar gewesen, wenn sich die Medien der Thematik mit genügend Beharrlichkeit und kritischer Distanz gewidmet hätten. Stattdessen hockten sie lieber auf der Bettkante von Paris Hilton, produzierten grenzdebile Formate wie «Deal or no Deal» oder lancierten immer neue Gratisblättchen, die noch weniger Information noch bunter aufmachen.
Den Vogel in Sachen Inkompetenz und Ignoranz hat bekanntlich die Weltwoche mit ihrem Cover-Spruch «La crise n’existe pas» abgeschossen. In der Folgenummer schafft es deren Medienkolumnist, kenntnisreich das Versagen der Branche als Frühwarnsystem zu geisseln, ohne dabei auch nur ein Wort über die epochale Fehlleistung des eigenen Blattes zu verlieren. Vermutlich liest Zimmi (als Chefironiker) die eigene Postille schlicht nicht. Dass sein Verleger (als Chefideologe) zensuriert hat, kann nämlich für einmal ausgeschlossen werden. Denn in derselben Nummer finden sich gleich zwei Anflüge von Selbstironie bezüglich des besagten Aufmachers: In einem – kaum zufällig neben dem Editorial platzierten – Inserat leugnet eine regionale Suchmaschine die Wirtschaftskrise im selben Wortlaut und Schriftzug wie das legendäre Cover. Und im Zitatrückblick aus anderen Zeitungen darf die WOZ über ihre Erzfeindin höhnen: «Deutlicher schreiben, was nicht ist, geht nicht.»
Weltblätter haben eine Rubrik namens Korrigendum, die Weltwoche hat Roger Köppel. Statt Stellung zu seinem beherzten Griff ins Klo zu nehmen, spielt der Neoverleger also über Bande, lässt WOZ und Werber mit den Augen zwinkern und versucht so, eine der peinlichsten Schlagzeilen der Schweizer Pressegeschichte zu verwedeln. Umsonst. Ungleich eleganter machen das seit Beginn der Krise bereits die angelsächsischen Leitmedien der Global Financial Community. So schrieb das Wall Street Journal nach der Lehman-Pleite, dass es sich auch dann nicht umtaufen würde, wenn die New Yorker Börse in Flammen aufgehen sollte. Und die Financial Times startete eine Rubrik, wo externe Experten die Qualität ihrer täglichen Berichterstattung übers grosse Bankenbeben evaluierten. Angesichts des eigenen Anspruchs keine unironische, zugleich aber eine sehr souveräne Geste. Hiesige Medien könnten sich davon eine Scheibe abschneiden.

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