David Coulthard: «Ich habe nur dieses eine Leben»
David Coulthard ist der nach Punkten erfolgreichste Rennfahrer in der britischen Geschichte und heute ein umtriebiger Entrepreneur. Was motiviert ihn – und was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

m&k: David Coulthard, wir leben seit einem Jahr mit Covid-19 – können Sie sich erinnern, wann Sie das erste Mal von der Pandemie Notiz genommen haben?
David Coulthard: Ja, das kann ich gut. Der Beginn der Pandemie erwischte mich, als ich in meiner Rolle als BBC- Kommentator zur Formel 1 nach Australien flog. Bei der Ankunft hörte ich Gerüchte, dass das Rennen in Melbourne abgesagt werden würde. Und am nächsten Morgen, gegen 11 Uhr, war es dann so weit. Ein paar Stunden später sass ich wieder im Flugzeug nach Hause. Obwohl ich es geschafft hatte, ein sehr nettes Mittagessen mit Mark Webber und seiner Frau zu haben, war die Reise nach Australien nur für ein Mittagessen definitiv einer der längeren Roadtrips, die ich in meinem Leben unternommen habe. (lacht)
Während die Formel 1 unter strengen Gesundheitsrichtlinien wieder läuft – und Sie als Kommentator auch wieder unterwegs sein können –, nehme ich an, dass Ihre anderen Geschäfte immer noch von der Pandemie betroffen sind?
Ich ging in den ersten Lockdown und sagte mir: «Gut, okay, es ist, wie es ist.» Aber dann habe ich mir ziemlich schnell Gedanken darüber gemacht, wie sich das auf unser Geschäft auswirken würde. Neben meiner Tätigkeit als Kommentator habe ich eine Beteiligung an einer Fernsehproduktion und eine Beteiligung an einer Veranstaltungsfirma. Ich musste also mit meinen Partnern sicherstellen, dass wir uns so gut wie möglich vorbereiten – und das Ganze überleben. Meine Veranstaltungsfirma hat im letzten Jahr natürlich einen ziemlichen Einbruch erlitten, aber wir haben es geschafft, uns neu zu erfinden; wir haben es geschafft, die Mitarbeitenden zu halten, die einen grossartigen Job gemacht haben, um nach digitalen Geschäftsmöglichkeiten zu suchen.
«Als ich im Alter von elf Jahren mit dem Kartfahren begann, wusste ich nicht, dass daraus eine Karriere in der Formel 1 werden würde.»
Ich würde gerne erfahren, was Sie im Rennsport für Ihr Business gelernt haben. Als Sie mit dem Kartfahren begonnen haben – als Kind –, haben Sie sich da jemals vorgestellt, der nach Punkten erfolgreichste britische Rennfahrer aller Zeiten zu werden?
Ich denke, egal, was man für eine Karriere plant: Man kann versuchen, Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen. Als ich im Alter von elf Jahren mit dem Kartfahren begann, wusste ich natürlich nicht, dass aus meiner Leidenschaft später eine fünfzehnjährige Profikarriere als Formel-1-Fahrer werden würde. Aber ich habe hart gearbeitet und alles getan, was ich konnte, um erfolgreich zu sein. Und so ist es auch in anderen Bereichen gewesen. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir schon zu Beginn meiner Rennfahrerkarriere sagte, dass ich, wenn ich es in die Formel 1 schaffe, trotzdem so früh wie möglich darüber hinausschauen sollte. Und er sagte mir, ich solle ans Fernsehen denken. Denn James Hunt, der in den 1970er- Jahren britischer Formel-1-Champion war, wurde später als Kommentator sehr erfolgreich. Mein Vater hatte keine Kristallkugel, aber wenn man bedenkt, wie sich die Dinge entwickelt haben, glaube ich … dass ich bereit und reaktiv war, weil gewisse Pläne schon in der Schublade lagen.
«Egal, was man für eine Karriere plant: Man kann versuchen, Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen.»
Sie haben gerade gesagt, dass Sie «alles getan haben, um erfolgreich zu sein». Ein Fokus lag laut Ihrer Biografie auf totaler Disziplin. Wie haben Sie diese über viele Jahre beibehalten?
Ganz ehrlich? Das fühlt sich für mich natürlich an (lacht). Um ehrlich zu sein, habe ich das Gefühl, dass ich das Leben betrüge, wenn ich keine Gelegenheiten ergreife oder selbst welche schaffe. Ich lebe in dem Bewusstsein, dass mir auf dieser Welt nur eine Chance gegeben ist. Und da ich jetzt an der Schwelle zu meinem 50. Lebensjahr stehe, liegt der grösste Teil meines Lebens bereits hinter mir. Also will ich nicht das Gefühl haben, dass ich keinen Fokus hätte oder Dinge, die mich interessieren, nicht versucht hätte. Ich bin nicht besonders risiko- freudig, weder im Business noch als Fahrer – aber ich denke einfach, dass es wichtig ist, ein Ziel, einen Fokus zu haben; etwas zu liefern zu versuchen …
… und jeden Tag eine bessere Version von sich selbst zu werden…
Ja, wobei es dazu ja mittlerweile viele Klischee-Aussagen gibt, nicht wahr? (lacht) Aber im Sport ist es wie im Geschäftsleben: Immer geht es darum, zu performen. Warum sollte man das also nicht besser machen wollen, wenn neue Technologien verfügbar werden? Warum sollte man das nicht besser machen wollen, indem man die besten Leute für offene Positionen sucht? Und warum sollte nicht jeder an sich arbeiten; dort, wo er oder sie etwas optimieren will?
Hat es Sie auch motiviert, starke Mitbewerber zu haben? Immerhin traten Sie gegen einige der besten Rennfahrer in der Geschichte Ihres Sports an …
Auf jeden Fall. Ich wollte meinen Konkurrenten sprichwörtlich in die Augen schauen. Ich wollte verstehen, wie sie fuhren – wie sie arbeiteten –, wie sie mit Menschen umgingen und in welchen Bereichen sie einen besseren Job machten als ich. Diese Umgebung liess mich total aufblühen, ich genoss das.

Vorhin sagten Sie, Sie würden sich selbst als risikoscheu beschreiben. Das ist für jeden, der auch nur eines Ihrer Rennen gesehen hat, wahr- scheinlich schwer zu glauben!?
Das verstehe ich. (lacht) Aber ich habe meinen Job nie als besonders riskant empfunden. Und warum? Weil ich glaube, dass hinter dem Fahren eines Rennwagens eine Wissenschaft steckt. Es gibt einen Abtrieb, der von den Flügeln erzeugt wird. Es gibt eine Adhäsion, die von den Reifen erzeugt wird. Man fährt nicht jede Kurve mit Vollgas, weil man dann wahrscheinlich schon in der ersten einen Unfall bauen würde. Man lernt mit jedem Rennen dazu, man spürt eine Interaktion zwischen dem Fahrer und dem Fahr- zeug. Und mit der Zeit gewöhnt man sich natürlich an die Grenzen, die einem die Physik auferlegt. Für mich war das Fahren eines Rennwagens fast wie das Verbinden von einzelnen Punkten, hin zu einem Gesamtbild. Eine Rennstrecke hat ja auch nur zwischen 15 und 25 Kurven. Es gibt also nicht so viele grosse Entscheidungen, die dort im Laufe von eineinhalb Minuten getroffen werden müssen. Das ist beinahe ein mathematischer Prozess. Natürlich spürt man Adrenalin und Aufregung, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mit Handgranaten jongliere (lacht).
«Ich habe das Gefühl, dass ich das Leben betrüge, wenn ich keine Gelegenheiten ergreife – oder selbst welche schaffe.»
Machen Sie Ihre aktuellen unternehmerischen Projekte manchmal nervöser als das Rennfahren? Immerhin gibt es dort Faktoren – wie die aktuelle Pandemie –, die man einfach nicht planen kann.
Stimmt. Aber im Sport lernt man auch, zu akzeptieren, was gerade um einen herum vor sich geht. Ich rate den Leuten immer, kritische Situationen zu rationalisieren und sich zu fragen: Bin ich verantwortlich? Ist das etwas, das ich kontrollieren kann, oder liegt es ausserhalb meines Einflussbereichs? Und dann überlegt man, wie man weitermachen kann. Wie kommt man aus einer Situation heraus – und was lernt man?
Während Ihrer gesamten Karriere waren Sie Botschafter für internationale Marken. Wie hat es sich angefühlt, zu deren Wert, zu deren Erfolg beizutragen? Hat das manchmal Druck auf Sie ausgeübt?
Nun, ich denke, dass bestimmte Marken durch die Assoziation und Aktivierung mit der Formel 1 natürlich einen Wert darin sehen, mich an Bord zu haben. Eben, weil ich eine gewisse Geschichte als Fahrer habe und immer noch in den Medien aktiv bin. Ich denke also, dass es für viele der Unternehmen, für die ich gearbeitet habe, eine logische Beziehung zwischen mir und ihrer Brand gibt. Und ich bin wiederum ein Fan der Marken, die ich vertreten habe; das macht es einfacher. Denn dann wird Werbung sehr natürlich und aufrichtig. Ich will niemandem vorgaukeln müssen, dass ich sein Produkt mag; ich will nicht so tun, als wäre ich glücklich, irgendwo zu sein, wenn ich total überzeugt bin, dass ich woanders sein sollte. Also versuche ich im Voraus sicherzustellen, dass mir das, was ich tun werde, auch gefällt. Natürlich habe ich die Verantwortung, alles andere in meinem Leben beiseitezuschieben, wenn ich bei Veranstaltungen von Sponsoren oder Brands bin. Aber ich denke, das ist einfach professionell. Ich versuche, meinen Teil der Abmachung einzuhalten, und hoffe, dass andere das auch tun.
«Eine Rennstrecke hat nur eine bestimmte Anzahl Kurven. Die Entscheidungen, die man dort treffen muss, sind beinahe mathematisch.»
Vielleicht erlauben Sie mir, dieses Interview mit einer etwas weit gefassten Frage abzuschliessen. Sie haben in Ihrem Leben schon viele Dinge angepackt: Sie waren Rennfahrer, nun sind Sie beim Fernsehen. Sie haben ein wunderbares Hotel in Monaco besessen, das Sie mittlerweile verkauft haben. Und Sie sind Teilhaber in mehreren Firmen. Was hat Sie bei Ihren unternehmerischen Entscheidungen geleitet?
Die Idee des Fernsehens hatte ich, wie gesagt, schon im Hinterkopf, seit ich ein Teenager war. Trotz der Tatsache, dass ich erst einmal 37 oder 38 Jahre alt werden musste, bevor ich wirklich damit anfing. Der nächste Schritt, also Teil einer Produktionsfirma zu werden, kam dann sehr schnell, als ich merkte, dass das Fernsehgeschäft nicht immer auf der organisatorischen Ebene funktionierte, die ich für notwendig hielt – was ich sozusagen aus erster Hand als Kommentator erfuhr. Ich hatte das Gefühl, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann, es besser zu machen. Die Idee für Velocity, unser Event- und Erlebnisunternehmen, entstand wenig später aus der gleichen Denkweise heraus: Ich war auf so vielen Veranstaltungen; wenige davon waren exzellent, viele waren gut, viele waren eher durchschnittlich. Also dachte ich mir: Warum nicht eine Eventfirma gründen? (Lacht.) Ich wandte mich an Guy Horner, der bereits das Unternehmen TBA gegründet hatte, und fragte ihn, ob er mit mir zusammenarbeiten wolle. Wir haben direkt zwei spektakuläre Events im Auftrag der Formel 1 auf die Beine gestellt, eines davon am Trafalgar Square in London, an dem alle Teams beteiligt waren. Aber natürlich gibt es noch einige andere Dinge, die mir in den Sinn kommen; es gibt noch Geschäftsmöglichkeiten, die ich bis anhin nicht verwirklichen konnte.
Zum Beispiel?
Talentmanagement im Bereich Events und TV würde mich interessieren. Aber dafür habe ich noch nicht die richtigen Partner gefunden. Vielleicht kommt der Zeitpunkt noch. Ich möchte das bloss nicht allein machen – denn, wissen Sie: Ich war schon immer vor allen Dingen ein Teamplayer.

David Marshall Coulthard, MBE, ist ein ehemaliger britischer Rennfahrer aus Schottland, der später als Unternehmer und TV-Kommentator Karriere gemacht hat. Coulthard, der in der Szene den Spitznamen «DC» trägt, bestritt zwischen 1994 und 2008 15 Saisons in der Formel 1. Er fuhr für die Teams Williams, McLaren und RedBull, errang 13 Grand- Prix-Siege und 62 Podiums- plätze. 2001 wurde er Vizeweltmeister hinter Michael Schumacher. Coulthard ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und einem zwölfjährigen Sohn in Monaco.
