Neue SVP-Kampagne sorgt auch Partei-intern für rote Köpfe
Einmal mehr sorgt vor den Wahlen ein SVP-Plakat für Empörung. Ob diese Form der Aufmerksamkeit der Partei eher nützt oder schadet, ist unter Kampagnen-Profis umstritten.

Am Sonntag veröffentlichte die SVP Schweiz ihre neuen Kamapgnenplakate auf Social Media. «Sollen Linke und Nette die Schweiz zerstören? Lieber #SVPwählen!», so der Text zum Sujet, das für Empörung sorgte: Würmer, welche die Farben der politischen Gegner und der EU tragen, zerfressen einen Apfel, der die Schweiz symbolisiert.

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten – und eher überraschend wurde auf Twitter umgehend aus den eigenen Reihen Richtung Parteispitze geschossen. SVP-Nationalrat und Kommunikationsberater Claudio Zanetti hat für die neue Kampagne wenig übrig. «Das auf dem Bild sind weder Linke noch Nette. Das ist Gewürm, das man ausrottet. Was versprecht Ihr euch von dieser unsäglichen Bildsprache? Wer soll einen da noch ernst nehmen?»

Wie die Tamedia-Zeitungen schreiben, sorgte die Bildsprache auch bei anderen SVP-Vertretern für Unmut. Pentti Aellig, früherer Präsident der SVP Schaffhausen und Nationalratskandidat, brachte den Erfolg der eigenen Sektion direkt mit der Wähleransprache in Verbindung: «In Schaffhausen haben wir auch deshalb einen SVP-Wähleranteil von 35 Prozent, weil wir auf solche Plakate verzichten», twitterte Aellig direkt an SVP-Präsident Albert Rösti. Gefolgt von der Bitte: «Denk an all die überparteilichen Kommissionen & Listenverbindungen – und stoppe dieses Sujet.»

Die antisemitische Hetzschrift Der Stürmer stellte in Nazi-Deutschland Juden unter anderem als Würmer dar – auf Twitter zogen zahlreiche User Parallelen zu den damals verwendeten Bildern.
Den politischen Gegner als «Gewürm» oder «Ungeziefer» darzustellen, sei einer demokratischen Partei nicht würdig, lautete der Tenor. Die Partei sei diesmal zu weit gegangen, finden manche, eine solche Darstellung dürfe man nicht kommentarlos hinnehmen. Andere schreiben, die SVP zeige nun ihr wahres Gesicht. Wiederum andere mahnen, nicht in die Falle zu tappen: Jede Reaktion auf die kalkulierte Provokation nütze der SVP.
Kalkulierte Provokation
Auch Kampagnen-Profis beurteilen die Frage nach dem Nutzen unterschiedlich. Mark Balsiger erinnert in seinem Blog an das Messerstecher-Inserat vor 25 Jahren. Das Muster sei stets dasselbe, schreibt er. Ein Leadmedium erhalte das Sujet exklusiv, andere Medien zögen sofort nach. Tausende teilten es reflexartig auf Facebook und Twitter.
«Jedesmal steht die Forderung im Raum, dass die Provokateure das Sujet zurückziehen. So hält sich das Thema über mehrere Tage, vielleicht sogar Wochen. Es sind die Gegner der SVP, die mit ihren fiebrigen Reaktionen für eine enorme Reichweite sorgen. Das Muster funktioniert immer noch, die Gegner tappen wieder und wieder in dieselbe Falle, jedes Sujet geht viral durch die Decke.»
Von Problemen ablenken
Zwar gewinne die SVP mit dem Apfel-Würmer-Sujet am 20. Oktober kaum zusätzliche Stimmen, aber sie habe sich damit die Aufmerksamkeit geholt, schreibt Balsiger. Damit könne sie auch von drängenden Problemen wie Klimakrise oder Krankenkassenprämien ablenken. Der Aufstieg der SVP habe auch mit Aufmerksamkeitsökonomie zu tun. «Keine andere Partei hat so früh und so konsequent die Medienlogik verinnerlicht.»
Campaigner Reda el Arbi kommt in seinem Blog zu einem anderen Schluss. Er sieht im Sujet einen «Knieschuss». Das Plakat stelle alle politischen Gegner als Gewürm dar, als Ungeziefer, stellt er fest. Es sei «NSDAP-Kommunikation in Reinform, nicht mal mehr angedeutet oder versteckt».
Geschenk an die Linke
Der konservative, bürgerliche Wähler der SVP dürfte sich durch dieses Plakat abgestossen fühlen, schreibt el Arbi weiter. «Die Querelen über die Ausrichtung der SVP belasten die Partei intern schon lange. Dies dürfte weitere Wähler von der Urne abhalten.»
Der normale rechtsbürgerliche Bauer, Handwerker, KMUler wolle keine Nazi-Plakate für seine Partei. Und nur mit Rechtsextremen liessen sich in der Schweiz zum Glück keine Wahlen gewinnen. «Noch nie hat der politische Gegner den Linken vor einer Wahl so stark geholfen», schreibt el Arbi. Negative Publicity gebe es durchaus. Das Plakat und die defensive Kommunikation des Parteipräsidenten lasse die Partei schwach und verzweifelt wirken.
Parteiinterne Kritik
Tatsächlich äusserten sich auf Twitter auch einzelne SVP-Politiker kritisch. Oft zitiert wurde der Zürcher Nationalrat Claudio Zanetti, der als Hardliner gilt. «Das auf dem Bild sind weder Linke noch Nette. Das ist Gewürm, das man ausrottet», schriebt er auf Twitter und fragte: «Wer soll einen da noch ernst nehmen?»

Nationalratskandidat Michael Frauchiger von der SVP Zürich schrieb: «Lachen? Weinen? Schämen? Ich weiss es nicht! Ich zweifle an der Parteileitung der SVP je länger je mehr. Die Werbefirma muss m.E. ausgetauscht werden, inkl. derjenigen, die so etwas durchwinken und bezahlen!»
Kein Wurm für die BDP
Der Basler SVP-Kantonsrat Pascal Messerli findet das Plakat «schlecht und ungeschickt», der Schaffhauser SVP-Kantonsrat Pentti Aellig rief die Parteileitung mit Blick auf Listenverbindungen dazu auf, das Sujet zu stoppen. Manche Kommentatoren in den sozialen Medien äusserten den Verdacht, auch das gehöre zur Inszenierung.

Politiker anderer Parteien versuchten derweil, der Empörungsfalle mit einem anderen Ansatz zu entgehen. So schrieb BDP-Präsident Martin Landolt (GL) auf Twitter: «Mich wurmt am meisten, dass die gelb-schwarzen Würmer fehlen…»
Die Verantwortung für das Apfel-Sujet trägt der Berner Nationalrat Adrian Amstutz (BE). «Als Wahlkampfleiter trage ich die Verantwortung. Punkt», sagte er in einem Interview mit Blick.ch. Die SVP wolle die direkte Demokratie retten. «Die Nazis machten genau das Gegenteil; sie haben (…) eine Diktatur errichtet.» (hae/SDA)
Auf Twitter gab es zahlreiche Reaktionen drauf, die meisten davon negativ. Viele erinnerten daran, dass die Bildsprache an nationalsozialistische Propaganda anknüpfe. Darstellungen aus dem NS-Blatt Der Stürmer mit Apfel und Wurm wurden zum Vergleich herangezogen.

